Beim sechsten Studioalbum sparen sich Airbourne schon beim Namen jede unnötige Verrenkung: Die Platte heißt schlicht „Airbourne“. Für Ryan steckt dahinter allerdings mehr als Bequemlichkeit bei der Titelsuche. Das Album vereine alles, wofür die australische Band stehe, in einem Werk, erklärt er. Entsprechend selbstbewusst fällt sein Urteil aus: Es sei das beste Album, das Airbourne überhaupt hätten machen können. Aufgenommen wurde fernab vom Großstadtbetrieb im Music Farm Studio außerhalb von Byron Bay, einem Studiokomplex mitten im australischen „Dschungel“. Dort traf die Band auf ein Stück heimischer Rockgeschichte. In der Music Farm steht das originale Neve-Mischpult aus den Alberts Studios, an dem einst frühe Alben von AC/DC, Rose Tattoo und The Angels entstanden. Für Airbourne ist das keine beliebige historische Fußnote. Gerade The Angels tauchen auf der Platte auch inhaltlich wieder auf. Für die Produktion holte die Band zudem vertraute Leute ins Boot: Brian Howes hatte bereits an „Black Dog Barking“ gearbeitet, Toningenieur Mike Fraser war bei „Breakin’ Outta Hell“ und „No Guts. No Glory.“ beteiligt. Den Mix übernahm Zakk Cervini, der unter anderem durch seine Arbeit mit Bring Me The Horizon und Architects bekannt ist. Das technische Ziel lässt sich aus der Beschreibung der Platte ziemlich unkompliziert herauslesen: Drums mit massivem Einschlag, Gitarren mit scharfem, sägendem Charakter. Feinsinnige Hintergrundbeschallung war hier offenbar nicht Teil des Lastenhefts.
Inhaltlich schaut „Airbourne“ nicht nur auf Verstärker, Straße und die nächste Eskalationsstufe. Zwei Songs beschäftigen sich ausdrücklich mit verstorbenen musikalischen Vorbildern. „Alive After Death“ entstand auf Tour: Joel schrieb den Text eines Abends im Bus und dachte darüber nach, warum Musiker wie die Idole der Band nach ihrem Tod nicht einfach verschwinden. Ihre Songs laufen weiter, werden gespielt, weitergegeben und landen irgendwann bei der nächsten Generation vor einem viel zu lauten Lautsprecher. Genau diese Idee steckt hinter dem Stück. „Send Me To Rock’N’Roll Heaven“ geht noch direkter auf einzelne Namen ein. Lemmy gehört dazu, ebenso Doc Neeson von The Angels, John Bonham, Bon Scott und Little Richard. Damit bekommt der Albumtitel an dieser Stelle fast eine zweite Ebene: Airbourne arbeiten in einem Studio mit einem Mischpult, das eng mit australischer Rockgeschichte verbunden ist, während sie gleichzeitig über Musiker schreiben, deren Platten und Auftritte den eigenen Weg geprägt haben. Nostalgische Museumsruhe kommt deshalb trotzdem nicht auf. „Bogota“ greift Geschichten aus dem Tourleben auf, also jenem Alltag, in dem Hotel, Bus, Bühne und nächste Stadt regelmäßig schneller wechseln als saubere T-Shirts. Andere Stücke drehen sich um Widerstand und das schlichte Weitermachen. „Last Man Standing“, „Hell’s Got No Vacancy“ und „Gutsy“ tragen diese Themen bereits ziemlich unverblümt in ihren Titeln. Airbourne formulieren hier nicht durch die Blume. Das wäre bei dieser Band ohnehin ungefähr so passend wie Zimmerlautstärke beim Soundcheck.
Und weil eine Airbourne-Platte ohne körperliche Nebenwirkungen offenbar nicht vollständig wäre, landet mit „Sky High“ auch Sex wieder auf der Themenliste. Damit spannt das Album seinen Bogen von Tourgeschichten und Trotz über verstorbene Rockgrößen bis zu jener Mischung aus Schweiß, Lautstärke und ziemlich wenig Zurückhaltung, die der Band über Jahre ihren Ruf eingebracht hat. Interessant ist vor allem, wie eng Aufnahmeort, Personal und Themen diesmal zusammenliegen. Howes und Fraser kennen Airbourne aus früheren Produktionen, Cervini übernimmt den finalen Mix, während das alte Neve-Pult eine direkte technische Verbindung zu einer australischen Studiotradition herstellt, auf die sich die Band ohnehin bezieht. Das ist konkreter als irgendeine diffuse Behauptung über „Einflüsse“. AC/DC, Rose Tattoo und The Angels haben an genau diesem Pult gearbeitet; Doc Neeson wird auf dem Album ausdrücklich gewürdigt. Gleichzeitig stammt „Alive After Death“ nicht aus einer geplanten Konzeptsession, sondern aus einem Abend im Tourbus. Solche Details erzählen mehr über die Platte als große Etiketten. Airbourne selbst gehen bei der Einordnung trotzdem aufs Ganze. Ryan nennt „Airbourne“ das bestmögliche Album der Band. Nun führt der Weg wieder dorthin, wo diese Songs letztlich bestehen müssen: auf die Bühne. Material gibt es dafür reichlich – inklusive Rock’n’Roll-Himmel, Bogota, Durchhalteparolen und einer Portion Sex. Also im Grunde eine Airbourne-Platte, die sich ihren eigenen Namen ziemlich konsequent verdient.