Cover: ADRIAN - vermiss mich
7/8
mix1 Bewertung

ADRIAN – ‚vermiss mich‘ zwischen Nähe und Distanz

ADRIAN gehört zu den Künstlern, die ihre Songs nicht einfach schreiben, sondern sichtbar aus dem eigenen Leben ziehen. Aufgewachsen in den Plattenbauten von Berlin-Hohenschönhausen, hat er früh gelernt, wie schnell sich Unsicherheit und Instabilität in den Alltag schleichen können. Genau dieses Gefühl zieht sich heute durch seine Musik. Nachdem er zunächst mit Coverversionen auf Social Media Aufmerksamkeit bekam, entwickelte sich sein eigener Stil immer stärker in Richtung eines rauen, urbanen Sounds zwischen Alt-Pop, UK-Garage und Grunge. Gemeinsam mit den Beatgees entstand daraus eine musikalische Handschrift, die nicht geschniegelt wirkt, sondern bewusst Ecken und Kanten stehen lässt. Songs wie „Bastard“, „Wache auf“ oder „Moshpit im Penthouse“ haben bereits gezeigt, dass ADRIAN lieber unbequeme Gefühle verarbeitet, statt einfache Pop-Floskeln abzuliefern. Mit „vermiss mich“ führt er diesen Weg jetzt konsequent weiter.

Im Mittelpunkt der neuen Single steht eine Beziehung, die nur in bestimmten Momenten funktioniert – meistens nachts, meistens dann, wenn Alkohol, Einsamkeit oder spontane Sehnsucht mitreden. Zeilen wie „Vermiss mich nach der zweiten Flasche Wein“ oder „Du meldest dich nur wenn es spät ist“ treffen genau diesen unangenehmen Zwischenzustand, in dem Nähe plötzlich verfügbar wirkt, im Alltag aber sofort wieder verschwindet. ADRIAN beschreibt dabei keine große Kino-Romanze, sondern eher diese moderne Form emotionaler Verwirrung, die viele kennen dürften: Nachrichten mitten in der Nacht, widersprüchliche Aussagen und das ständige Gefühl, emotional nur auf Abruf stattzufinden. Gerade weil der Song dabei nie überdramatisch wird, wirken die Beobachtungen umso ehrlicher. Statt Vorwürfe rauszuschreien, klingt ADRIAN eher wie jemand, der langsam versteht, was eigentlich passiert.

Auch musikalisch bleibt „vermiss mich“ angenehm reduziert. Gitarrenlinien treffen auf einen druckvollen Beat, während die Produktion bewusst Platz lässt, damit ADRIANs Stimme die emotionale Schwere transportieren kann. Der Sound wirkt gleichzeitig offen und dicht, roh und kontrolliert. Genau darin liegt die Stärke des Tracks: Er versucht nicht, Gefühle künstlich aufzublasen, sondern lässt Unsicherheit einfach stehen. Im Verlauf des Songs verschiebt sich die Perspektive Stück für Stück von emotionalem Festhalten hin zu einer klareren Distanzierung. Aus Hoffnung wird Erkenntnis, aus emotionaler Abhängigkeit langsam Selbstschutz. Dadurch funktioniert „vermiss mich“ weniger als klassische Trennungsgeschichte und mehr wie eine ehrliche Momentaufnahme eines inneren Prozesses. ADRIAN zeigt, wie schmerzhaft es sein kann, bestimmte Muster zu erkennen – und warum genau darin manchmal der erste Schritt liegt, sich daraus zu lösen.

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