Amelie Lens & Angèle treffen sich bei „run“
Bei Amelie Lens sind Gaststimmen bislang nicht gerade Dauergäste. Für „run“ ändert die belgische Techno-DJ und Produzentin das – und zwar ziemlich gezielt. Angèle übernimmt den Gesang auf dem Track und bleibt zugleich die einzige Gastkünstlerin auf Lens’ Debütalbum „AURA“. Das macht die Zusammenarbeit schon vor dem ersten Beat zu einer Besonderheit innerhalb des Albums. Musikalisch treffen zwei Bereiche aufeinander, die in Belgien längst große Namen hervorgebracht haben, im Alltag aber nicht automatisch nebeneinander im selben Track landen: Lens kommt aus dem Techno, Angèle aus dem Pop. „run“ versucht daraus keinen faulen Kompromiss zu basteln. Angèles Stimme liegt über einem harten, geradlinigen Beat, während eingängige melodische Passagen Platz zwischen der Clubproduktion bekommen. Für Lens bedeutet das vor allem eines: Erstmals öffnet sie einen ihrer Tracks in diesem Umfang für eine Gaststimme. Ihre bisherigen Produktionen bewegen sich zwischen dunklerem Techno und euphorischen Spitzen, funktionieren auf großen Festivalanlagen ebenso wie in kleineren Clubs. Angèle bringt dagegen eine Stimme mit, die sofort einen anderen Schwerpunkt in das Stück zieht. Dass ausgerechnet sie diese Rolle übernehmen sollte, war für Lens früh klar. Sie sei seit vielen Jahren Fan der Sängerin und habe sich für den Song keine andere Stimme vorstellen können. Entsprechend blieb es nicht bei irgendeinem Feature-Platz auf „AURA“: Weitere Gäste gibt es auf dem Album nicht.
Die Verbindung zwischen Amelie Lens und Angèle entstand allerdings nicht erst bei der Arbeit an „run“. Kennengelernt haben sich beide über gemeinsame Freunde. Danach liefen sie sich immer wieder über den Weg, in Belgien und anderswo. Angèle beschreibt das Verhältnis als unkompliziert und erzählt von einer Begegnung, die für die spätere Zusammenarbeit durchaus interessant ist: Sie sah Lens beim Glastonbury Festival live und bekam nach eigener Aussage direkt Gänsehaut. Als anschließend die Anfrage für einen gemeinsamen Song auf dem ersten Album der Produzentin kam, musste sie nach dem Anhören des Tracks nicht lange überlegen. Diese Vorgeschichte erklärt zumindest, warum das Feature weniger nach strategisch zusammengewürfeltem Namensschild aussieht. Beide kannten und schätzten die Arbeit der jeweils anderen bereits. Für Lens war Angèles Stimme ausdrücklich die Wunschbesetzung, Angèle wiederum nennt die Energie und Entschlossenheit der Produzentin als Punkte, die sie an ihr schätzt. Der gemeinsame Track erscheint zudem in einer Phase, in der beide parallel an größeren Projekten arbeiten. Lens hat vor „run“ bereits mehrere Stücke aus „AURA“ veröffentlicht: „our frequency“, „falling into acid dreams“ und „whatever you do“. Damit ließ sich nach und nach erkennen, welche musikalischen Bereiche ihr erstes Album abdecken soll. „run“ ergänzt nun einen Aspekt, der bei den vorherigen Vorboten so nicht vorhanden war – eine prominente Popstimme als tragendes Element der Produktion. Angèle wiederum arbeitete zuletzt mit dem französischen Elektro-Duo Justice am Song „What You Want“ und kündigte außerdem ein neues eigenes Album an. Elektronische Produktionen sind für sie also kein völlig fremdes Gelände.
Spannend an „run“ ist deshalb weniger die übliche Frage, ob hier nun Pop auf Techno trifft. Das tut er offensichtlich. Interessanter ist, wie klar die Rollen verteilt bleiben. Angèle muss nicht plötzlich zur Techno-Sängerin umgebaut werden, während Lens ihre Produktion nicht in ein klassisches Pop-Gerüst pressen muss. Der kompromisslose Beat bleibt ein wesentlicher Bestandteil, die melodischen Elemente und der Gesang geben dem Stück gleichzeitig eine andere Kontur als den bisher genannten „AURA“-Tracks. Genau an dieser Stelle bekommt auch die Entscheidung gegen weitere Albumgäste Gewicht. Angèle ist kein Teil einer langen Feature-Liste, sondern die einzige externe Stimme auf dem gesamten Debüt. Lens veröffentlicht „AURA“ über ihr eigenes Label EXHALE, womit das Album unmittelbar in dem Umfeld erscheint, das sie selbst aufgebaut hat. Die bisherigen Singles dienen dabei als einzelne Ausschnitte statt als komplette Gebrauchsanweisung für das Album. „our frequency“, „falling into acid dreams“ und „whatever you do“ markieren verschiedene Stationen vor der Veröffentlichung, „run“ bringt nun erstmals Angèles Gesang in diesen Kontext. Parallel gibt es eine Live-Performance des gemeinsamen Stücks als Video. Für zwei Musikerinnen, deren Bühnenwelten normalerweise ziemlich unterschiedlich funktionieren, ist das ohnehin die naheliegende Probe aufs Exempel: kein theoretisches Genre-Gerede, sondern beide zusammen vor Publikum. Aus der persönlichen Bekanntschaft über gemeinsame Freunde ist damit eine Studiokollaboration geworden, die innerhalb von Lens’ erstem Album bewusst alleinsteht. Keine Feature-Parade, kein halbes Telefonbuch im Tracklisting. Eine Stimme sollte es sein. Lens hatte dafür offenbar ziemlich genau eine im Kopf.
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