Ane Brun veröffentlicht erstes neues Album seit Jahren
Mehr als zwei Jahrzehnte hat Ane Brun inzwischen damit verbracht, ihre eigene musikalische Sprache immer wieder umzubauen. Die norwegische Sängerin, Songwriterin und Produzentin blieb dabei nie lange an einem festen Klangbild hängen. Wer ihre frühen Veröffentlichungen kennt, erinnert sich vor allem an reduzierten Folk und Arrangements, die ihrer Stimme viel Raum ließen. Später kamen andere Farben hinzu, darunter deutlich stärker ausgeprägte elektronische Elemente. Besonders gut lässt sich diese Entwicklung an „After the Great Storm“ nachvollziehen. Nun folgt mit „I Thought We Were The Same“ ein weiteres Album mit neu geschriebenem Material – das erste dieser Art seit sechs Jahren. Inhaltlich kreisen die neuen Stücke um Vertrauen, Täuschung und Neuanfänge. Drei Begriffe, bei denen man schon ahnt: Für unverbindliche Hintergrundbeschallung ist das Thema eher schlecht geeignet. Brun beschäftigt sich stattdessen mit Situationen, in denen Gewissheiten plötzlich nicht mehr so sicher aussehen und Beziehungen oder bisherige Vorstellungen neu betrachtet werden müssen. Dass sie solche Geschichten nicht nur als Sängerin transportiert, gehört seit Langem zu ihrer Arbeitsweise. Brun schreibt ihre Songs selbst und arbeitet auch als Produzentin. Damit hat sie wesentlichen Einfluss darauf, wie ihre Stücke vom ersten Entwurf bis zur Aufnahme Gestalt annehmen.
Ihre bisherige Laufbahn bietet dafür einen ziemlich breiten musikalischen Rahmen. Vom zurückgenommenen Folk ihrer Anfangsjahre führte der Weg zu Produktionen, in denen elektronische Klangwelten wesentlich mehr Platz bekamen. Diese Entwicklung verlief nicht als abrupter Stilwechsel, sondern über viele Veröffentlichungen hinweg. Gerade deshalb lässt sich Ane Brun schwer auf eine einzelne Phase reduzieren. Ihr Werk ist über mehr als zwanzig Jahre gewachsen, während sie parallel als Songwriterin und Produzentin an ihrer Arbeitsweise gefeilt hat. Auch die schwedische Musikbranche hat das registriert: Brun erhielt unter anderem zwei Grammis, einmal als „Komponistin des Jahres“ und einmal als „Beste Alternative Popkünstlerin“. Solche Auszeichnungen sind bei ihr vor allem deshalb interessant, weil sie zwei Bereiche ihrer Arbeit abbilden. Einerseits geht es um das Schreiben, andererseits um ihre Position als eigenständige Popkünstlerin. Bei „I Thought We Were The Same“ rückt nun wieder das Songwriting mit neuem Material in den Fokus. Nach sechs Jahren ohne ein entsprechendes Studioalbum ist das keine kleine Randnotiz in ihrer Diskografie. Gleichzeitig gibt die thematische Klammer einen recht konkreten Hinweis darauf, womit Brun sich beschäftigt: Vertrauen kann entstehen und verschwinden, Täuschung verändert den Blick auf Vergangenes, ein Neuanfang zwingt zur Entscheidung, was davon überhaupt mitgenommen werden soll. Das sind keine voneinander losgelösten Schlagworte, sondern eng miteinander verknüpfte Situationen.
Der Albumtitel „I Thought We Were The Same“ passt ziemlich genau in dieses Spannungsfeld. Schon der Satz beschreibt eine Erkenntnis im Rückblick: Da war eine Annahme, offenbar hat sie nicht gehalten. Mehr muss man dem Titel gar nicht andichten. Gerade diese offene Formulierung lässt genügend Platz für die Geschichten, die Brun auf dem Album erzählt. Nach einer Karriere, die längst mehrere musikalische Phasen umfasst, kommt die Platte außerdem zu einem interessanten Zeitpunkt. Ane Brun muss sich weder auf ihren frühen Folk festlegen lassen noch ihre späteren elektronischen Arbeiten kopieren, um einen erkennbaren Zusammenhang zu ihrem bisherigen Schaffen herzustellen. Ihre Rolle als Sängerin, Autorin und Produzentin zieht sich ohnehin durch ihre Arbeit. Hinzu kommt eine Diskografie, deren Entwicklung über zwei Jahrzehnte dokumentiert, wie konsequent sie Veränderungen zugelassen hat. Das neue Material erscheint über BMG und beendet eine sechsjährige Phase ohne Album mit neu geschriebenen Songs. Für Hörerinnen und Hörer, die Brun über „After the Great Storm“ oder ihre früheren Folk-Aufnahmen kennen, entsteht damit ein neuer Bezugspunkt in einem ohnehin beweglichen Katalog. Inhaltlich bleibt die Sache angenehm konkret: Vertrauen, Täuschung, Veränderungen und die Frage, was nach einem Bruch eigentlich folgt. Große Behauptungen braucht es dafür nicht. „I Thought We Were The Same“ trägt schon im Namen jene Irritation, aus der viele gute Geschichten überhaupt erst entstehen.