Cover: Antony Szmierek - Decoding Birdsong
7/8
mix1 Bewertung

„Decoding Birdsong“: Antony Szmiereks zweites Album

Nur achtzehn Monate liegen zwischen Antony Szmiereks Debütalbum „Service Station at the End of the Universe“ und seinem zweiten Longplayer „Decoding Birdsong“. Trotzdem hat der Poet, Autor und Produzent aus Manchester die Arbeitsweise für Album Nummer zwei merklich verändert. Das Debüt war noch ein Soloprojekt, diesmal lässt Szmierek andere Musikerinnen, Musiker und Produzenten gezielt hinein. Auf der Gästeliste stehen der australische Act Pretty Girl, die Londoner Band Los Bitchos, der Bristol-Produzent 1-800 GIRLS, Imogen and the Knife sowie Indie-Pop-Musikerin Ellur. Damit bekommt die Platte schon über ihre Entstehung eine andere Dimension, ohne dass Szmiereks wichtigstes Werkzeug aus der Hand gegeben wird: Sprache. Sein prägnanter Spoken-Word-Vortrag bleibt ein zentraler Bestandteil der Musik, trifft nun aber auf unterschiedliche Stimmen und Produktionsansätze. Bereits bekannte Albumtracks geben Hinweise darauf, wie weit diese Öffnung reicht. „Seminal“, „Chalk“, „The Heron“ und „Flight Simulator“ gehören zur Tracklist. Letzterer kombiniert Szmiereks überschlagenden Vortrag mit Melodic Techno, Glitch-Elementen und dem balladenhaften, beinahe entrückten Gesang von Imogen and the Knife. Das ist für „Decoding Birdsong“ vor allem deshalb interessant, weil der Track mehrere Grundideen des Albums zusammenführt: Zufall, Kontrollverlust, Glaube und die Frage, welche Bedeutung Menschen eigentlich Dingen geben, die sich einer eindeutigen Erklärung entziehen. Das zweite Album wird damit nicht einfach zur nächsten Sammlung von Spoken Word über elektronischen Beats. Szmierek baut ein thematisches System, in dem scheinbar nebensächliche Beobachtungen plötzlich erstaunlich viel Gewicht bekommen.

Der Titel „Decoding Birdsong“ trifft diesen Gedanken ziemlich genau. Szmierek beschreibt das Album als Auseinandersetzung mit der Entscheidung, überhaupt an etwas zu glauben – und nennt Zufall dabei eine Art Religion. Glück erscheint in seinen Überlegungen nicht bloß als erfreuliches Ereignis, sondern als etwas, das Konsequenzen haben kann. Was passiert nach einem Lottogewinn? Ist ein Zeichen tatsächlich ein Zeichen? Sollte man auf die Vögel hören, oder hört man dort irgendwann nur noch jene Botschaft heraus, die man ohnehin finden wollte? Solche Fragen bilden das Gerüst des Albums. Statt sie theoretisch abzuhandeln, greift Szmierek auf eine ziemlich spezielle Sammlung von Motiven zurück. Ein Reiher gehört ebenso dazu wie Würfel, ein abstürzendes Flugzeug, die nächtliche Fernsehsendung „Aussie Gold Hunters“ und eine Godzilla-Nachbildung aus Fiberglas. Auf dem Papier liest sich diese Kombination zunächst wie das Inventar eines sehr merkwürdigen Wochenendes. Innerhalb von „Decoding Birdsong“ dienen diese Dinge jedoch als Begleiter durch Geschichten über Einsamkeit, Zweifel, Glück und den Versuch, im Zufälligen Orientierung zu entdecken. Selbst kleine Ereignisse können nach Szmiereks Vorstellung wegweisend oder lebensverändernd erscheinen, sobald man ihnen entsprechende Bedeutung zugesteht. Gleichzeitig bleibt die Gegenfrage bestehen: Wann hilft dieser Glaube – und wann wird er gefährlich? Genau diese Reibung verhindert, dass das Album lediglich eine romantische Feier glücklicher Zufälle wird. „Flight Simulator“ macht das Prinzip besonders greifbar. Darin denkt eine Person darüber nach, ein abstürzendes Flugzeug allein durch Glück zu landen. Verlorene Lieben, Videospiele und Botschaften von Vögeln tauchen innerhalb dieses Monologs auf. Logik und Vernunft bekommen Konkurrenz durch Vertrauen ins Unbekannte. Der Song funktioniert damit weniger als isolierter Exkurs, sondern wie ein konzentrierter Ausschnitt aus den Fragen, die Szmierek über das gesamte Album verteilt.

„Decoding Birdsong“ folgt auf eine Phase, in der sich Antony Szmiereks Karriere erheblich beschleunigt hat. „Service Station at the End of the Universe“ brachte ihm unter anderem einen Auftritt beim Glastonbury Festival, einen Besuch bei Jools Holland und regelmäßiges BBC-Airplay. Für das zweite Album versucht er nun nicht, die Konstruktion des Debüts einfach noch einmal aufzubauen. Allein die zahlreichen Kollaborationen verändern die Ausgangslage. Pretty Girl, Los Bitchos, 1-800 GIRLS, Imogen and the Knife und Ellur bringen unterschiedliche musikalische Hintergründe in ein Projekt, das zuvor vollständig von Szmierek allein getragen wurde. Gleichzeitig bleiben seine Texte und sein Spoken Word die Verbindung zwischen den verschiedenen Stücken. Besonders spannend ist dabei die Spannweite, die sich bereits anhand der bekannten Songs abzeichnet. Elektronische Clubproduktion kann neben balladenhaften Stimmen stehen, Glitches neben gesprochenen Monologen, während sich die Texte mit Dingen beschäftigen, die von einem Reiher bis zum möglichen Flugzeugabsturz reichen. Das klingt zunächst nach ziemlich viel Material für eine Platte. Die gemeinsame Klammer ist jedoch konkret: Menschen suchen Muster, deuten Zufälle und basteln sich daraus Erklärungen für eine Welt, die selten so ordentlich funktioniert, wie man es gern hätte. Szmierek interessiert sich dabei ausdrücklich auch für die unangenehme Seite dieses Mechanismus. Glück kann Hoffnung geben, aber ebenso Erwartungen verschieben. Zeichen können Orientierung bieten oder schlicht Projektionen sein. „Decoding Birdsong“ macht aus diesem Widerspruch sein Grundthema. Nach dem ausschließlich allein entwickelten Debüt entsteht dadurch ein zweites Album, das nicht nur personell weiter geöffnet ist, sondern seine Ideen über eine ganze Reihe ungewöhnlicher Figuren, Gegenstände und Situationen verfolgt. Der Reiher darf Hinweise geben, die Würfel dürfen rollen und Godzilla steht aus Fiberglas herum. Ob darin tatsächlich eine Botschaft steckt, bleibt genau die Frage, um die sich Szmiereks Platte dreht.
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Tracklist

01 Chalk 05:22
02 The Heron 03:05
03 Bookie's Favourite - E - Antony Szmierek & Ellur 03:31
04 Godzilla Hotel - Antony Szmierek & 1-800 GIRLS 04:06
05 Seminal 03:08
06 Flight Simulator - E - Antony Szmierek & Imogen and the Knife 04:56
07 Dave's Angling Superstore - E - Antony Szmierek & MAX RAD 02:57
08 The First Five Minutes of Magnolia - Antony Szmierek & Pretty Girl 03:26
09 The Same Heron Again - E 01:39
10 Commune 03:49
11 You’re Not Supposed To Do This Forever - E 03:05
12 Decoding Birdsong 03:10
13 Aussie Gold Hunters 04:11
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