Cover: Archive - Glass Minds
7/8
Eigene Redaktionseinschätzung

Archive veröffentlichen den Longplayer "Glass Minds"

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Gründung in Croydon meldet sich das rätselhafte Kollektiv mit Album Nummer 13: „Glass Minds“. Wer Archive kennt, weiß, dass Stillstand keine Option ist. Zwischen Trip-Hop-Wurzeln, Prog-Experimenten und cineastischem Größenwahn hat sich die Band immer wieder neu erfunden – und diesmal klingt es so, als hätten sie tief in die eigene DNA gegriffen. Produziert wurde das Ganze von Archive selbst gemeinsam mit ihrem Langzeit-Komplizen Jerome Devoise, aufgenommen in Brighton und London, gemischt in Paris. Schon diese Reiseroute liest sich wie ein Indie-Roadmovie mit Studioluft statt Autobahnstaub.

Der kreative Funke sprang offenbar bei „Patterns“ über. Laut Darius Keeler erinnerte der Track mit seiner Weite und minimalistischen Wucht an das Debüt „Londinium“. Schwerer Rhythmus trifft melancholische Tiefe – dieser alte Archive-Vibe schimmert wieder durch, nur gereifter, weniger verkopft. Spannend: Während des Songwritings lief bei Keeler viel „Nimrod“ von Edward Elgar. Das hört man. Blechbläser schieben sich immer wieder in die Songs, sorgen für Gänsehaut-Momente, ohne ins Pathetische abzudriften. Statt dicker Drama-Keule gibt’s subtile Erhabenheit. „Call To Arms & Angels“, das opulente Dreifachalbum zuvor, war noch stark geprägt von Pandemie-Nachwirkungen und klang entsprechend düster. „Glass Minds“ wirkt dagegen wie ein Fenster, das endlich geöffnet wird. Mehr Luft, mehr Licht, aber immer noch genug Schatten für diese typische Archive-Intensität.

Auch visuell bleibt das Kollektiv seinem Anspruch treu. Das Artwork stammt von Alaric Hammond, dessen Arbeiten sogar in der Saatchi Gallery gesammelt werden. Es passt zum Sound: fragil, detailverliebt, ein bisschen verstörend. Nach den bisher größten Liveshows der Band, gekrönt von einer massiven Arena-Nacht in Paris, war die Erwartungshaltung hoch. Doch statt einfach auf Stadionmodus zu setzen, drehen Archive lieber an der emotionalen Schraube. „Glass Minds“ fühlt sich nicht wie ein lauter Triumphzug an, sondern wie ein kontrollierter Aufbruch in eine neue, offenere Dimension. Kein Retro-Trip, kein kalkulierter Hit-Plan – eher ein Album, das sich Zeit nimmt und genau dadurch hängen bleibt. Wer Archive immer für ihre Tiefe gefeiert hat, bekommt hier reichlich Stoff zum Eintauchen. Und wer neu einsteigt, findet einen überraschend zugänglichen Zugang in dieses vielschichtige Universum.

Tracklist

1 Broken Bits
2 Glass Minds
3 Patterns
4 Look At Us
5 When You’re This Down
6 So Far From Losing You
7 Wake Up Strange
8 City Walls
9 The Love The Light
10 Shine Out Power
11 Heads Are Gonna Roll
12 Where I Am