Audrey Horne gehen ihr achtes Studioalbum „Achilles“ mit elf Songs an, die vom geradlinigen Hard Rock bis zu melodisch-progressiven Passagen reichen. Die Besetzung bleibt prominent: Toschie übernimmt den Gesang, an den Gitarren stehen Enslaved-Musiker Ice Dale und Thomas Tofthagen, dazu kommen Espen Lien am Bass und Kjetil Greve am Schlagzeug. Hinter dem Quintett liegt inzwischen eine ziemlich lange Strecke. Bereits das Debüt wurde mit dem norwegischen Spellemannprisen ausgezeichnet, später folgten Shows mit AC/DC und Mötley Crüe sowie internationale Headliner-Touren und Konzertreisen an der Seite von Papa Roach und Backyard Babies. Die vorherigen Studioalben „Blackout“ und „Devil’s Bell“ verschafften der Band auch international Aufmerksamkeit. „Achilles“ knüpft allerdings nicht einfach Song für Song an diese Veröffentlichungen an. Das Material arbeitet stärker mit Gegensätzen und lässt neben klassischen Hard-Rock-Zutaten mehr Raum für progressive Strukturen. Einen ziemlich guten Lagebericht gibt gleich der Titeltrack. Dröhnende Gitarren treffen dort auf eine markante Rhythmussektion und Toschies Gesang, während unterschiedliche Passagen bewusst gegeneinandergestellt werden. Auch textlich bleibt „Achilles“ nicht im üblichen Rock’n’Roll-Vokabular hängen. Inspiration kommt aus einer Gegenwart, die zunehmend von Polarisierung geprägt ist. Gesellschaftliche Fragen ziehen sich neben Eskapismus als Themen durch das Album – also raus aus der Wirklichkeit und gleichzeitig ziemlich genau hinschauen, was dort eigentlich schiefläuft. Ein kleiner Widerspruch, aber immerhin einer mit Gitarren.
Wie breit Audrey Horne die elf Stücke anlegen, wird besonders bei „God Damn Beautiful“ hörbar. Der Song orientiert sich am Groove von Thin Lizzy und verändert gleichzeitig eine vertraute Rollenverteilung innerhalb der Band: Bassist Espen Lien übernimmt hier den Leadgesang. Damit bekommt das Stück schon personell eine andere Färbung, während der Bezug zum klassischen Hard Rock klar erhalten bleibt. „Insanity“ zieht anschließend stärker Richtung Rock’n’Roll. Twin-Lead-Gitarren und ein bewusst eingängiger Refrain gehören zu den zentralen Bausteinen. Interessant ist vor allem der erzählerische Hintergrund. Die Storyline entstand mit Blick auf Iron Maidens „Hallowed Be Thy Name“, einen Song, der seine Spannung nicht nur aus Riffs und Melodie, sondern ebenso aus seiner erzählten Situation gewinnt. Audrey Horne greifen diesen Ansatz für „Insanity“ auf, ohne daraus eine musikalische Kopie zu machen. Genau solche unterschiedlichen Bezugspunkte erklären, warum „Achilles“ stilistisch nicht auf einer einzigen Spur fährt. Klassischer Hard Rock aus den Siebzigern und Achtzigern bildet einen wesentlichen Teil des Fundaments, daneben tauchen progressive Elemente, melodische Passagen und stärker grooveorientierte Stücke auf. Die beiden Gitarren bleiben dabei ein wichtiges Werkzeug. Mal arbeiten sie mit schweren Akkorden, mal mit zweistimmigen Leads, während Bass und Schlagzeug den Songs je nach Ausrichtung mehr Druck oder Beweglichkeit geben. Der Wechsel funktioniert auch innerhalb einzelner Tracks. Beim Titelstück sind die Kontraste zwischen den Passagen sogar Teil des Konzepts und rücken die progressive Seite des Quintetts deutlicher nach vorne.
Am anderen Ende der Platte wartet „New Star Falling“. Als letzter Song führt das Stück „Achilles“ zu einem melodischeren Abschluss und markiert damit einen bewussten Gegenpol zu härteren Nummern des Albums. Dazwischen bewegen sich Audrey Horne durch ein Spektrum, das ihre bekannten Hard-Rock-Wurzeln nicht versteckt, sie aber unterschiedlich verarbeitet. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, aus welchem Jahrzehnt ein bestimmter Gitarrenansatz stammen könnte. Spannender sind die Details: Espen Lien wechselt bei „God Damn Beautiful“ vom Bassisten zum Leadsänger, „Insanity“ arbeitet mit Twin-Lead-Gitarren und einer von Iron Maiden angeregten Erzählweise, während der Titeltrack progressive Kontraste mit einem gesellschaftlich geprägten Text kombiniert. Inhaltlich bleibt „Achilles“ ebenfalls nicht bei einem einzigen Thema. Eskapismus trifft auf Beobachtungen zu gesellschaftlichen Entwicklungen und einer polarisierten Welt. Dadurch stehen Flucht aus der Realität und Beschäftigung mit ihr nebeneinander. Für Audrey Horne ist das achte Studioalbum somit keine reine Übung in Rock-Nostalgie, obwohl die Siebziger und Achtziger als musikalische Bezugspunkte deutlich vorhanden sind. Das Quintett nimmt bekannte Elemente – Groove, Twin-Gitarren, große Refrains und eine stabile Rhythmusarbeit – und verteilt sie auf elf unterschiedlich konstruierte Songs. Nach „Blackout“ und „Devil’s Bell“ rückt „Achilles“ besonders die progressive Seite der Norweger stärker ins Bild. Der namensgebende griechische Held hätte vermutlich andere Sorgen gehabt. Für Audrey Horne geht es dagegen um Gitarren, gesellschaftliche Spannungen und die Frage, wie viel Bewegung innerhalb von Hard Rock möglich ist, ohne dessen Grundgerüst aus den Augen zu verlieren.