Beyoncé feiert 20 Jahre „B'DAY“ mit neuer Edition
Beyoncé war 25 Jahre alt, als „B'DAY“ erschien – und hatte ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie ihr zweites Soloalbum klingen sollte. Die Aufnahmen entstanden innerhalb von nur zwei Wochen. Dabei beschränkte sie ihre Rolle keineswegs aufs Einsingen: Songwriting, Produktion und die visuelle Gestaltung gehörten ebenfalls zu ihrem Arbeitsbereich. Klanglich wollte sie ein großes, perkussives, hartes und schnelles Album mit viel Energie und Live-Instrumenten. Gleichzeitig beschäftigte sie eine musikalische Frage, die für R&B zu dieser Zeit ziemlich entscheidend war. Hip-Hop dominierte zunehmend, Beyoncé wollte jedoch Bridges, Melodien und Harmonien bewahren, die sie als Herz des R&B verstand. Sampling sollte beide Welten zusammenbringen. Ein Beispiel dafür ist „Irreplaceable“: ein reduziertes Vocal-Arrangement, eine klassische Gitarre und darunter der Druck einer 808. Für die 20th Anniversary Edition hat Beyoncé das Material nun erneut bearbeitet und sich selbst um das Remastering der Songs gekümmert. Auch die visuelle Seite bekommt eine technische Frischzellenkur. Die ursprünglich auf 35-mm-Film gedrehten Videos wurden restauriert, neu koloriert und in 4K fertiggestellt. Dazu gehört „Déjà Vu“ mit JAY-Z, bei dem Sophie Muller Regie führte. Das passt zu einem Album, dessen Bilder nie bloß dekoratives Beiwerk waren.
„B'DAY“ war im Kern bereits ein visuelles Album. Kurzfilme erzählten verschiedene Phasen einer Beziehung und griffen Themen wie Selbstvertrauen, Befreiung und Verbundenheit auf. Die Jubiläumsausgabe schaut allerdings nicht nur zurück. Im Archiv fanden sich bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus New Orleans, einer Stadt, zu der Beyoncés Familie enge Verbindungen hat. Während der damaligen Arbeiten befand sich New Orleans noch im Wiederaufbau nach Hurrikan Katrina; die Widerstandskraft der Stadt wurde für Beyoncé zur Inspiration. Hinzu kommen neue beziehungsweise bislang nicht regulär veröffentlichte musikalische Bausteine. „MORNING DEW (DONK)“ leitete die Jubiläumsausgabe ein, nachdem eine Version des Songs bereits 2023 geleakt worden war. Später folgte ein Remix mit JAY-Z und damit ein weiterer Eintrag in die inzwischen mehr als 23 Jahre umfassende gemeinsame musikalische Arbeit der Carters. Noch deutlicher wird die Erweiterung des ursprünglichen Albums bei den spanischsprachigen Songs. „Cuerpo Tumbao (Get Me Bodied) feat. Maluma“ bringt Beyoncé erstmals mit dem kolumbianischen Musiker zusammen. Die Produktion übernahmen Beyoncé, Edgar Barrera und CASTA, Ali „Ali Ali“ Alvarez war als Co-Produzent beteiligt. Im Fundament steckt zudem ein Sample von Celia Cruz’ „La Negra Tiene Tumbao“. Cruz war für Beyoncé nicht nur musikalisch relevant: Ihre Haltung gegenüber Rassismus, Colorism und engen Schönheitsidealen sowie ihr Stolz auf ihre afrikanische Kultur gehören ausdrücklich zu den Gründen, weshalb Beyoncé sie bewundert. Das Sample landet damit nicht zufällig in einem Stück über Stärke und Selbstvertrauen auf der Tanzfläche und darüber hinaus.
Eine weitere Verbindung führt zurück nach Texas. „Irreemplazable (Como La Flor) featuring Selena“ kombiniert Beyoncé mit Selena Quintanilla, der als „Queen of Tejano Music“ bekannten mexikanisch-amerikanischen Sängerin. Bemerkenswert ist dabei schon die Freigabe: Selenas Nachlass genehmigt die Nutzung ihres musikalischen Werks nur äußerst selten. Für dieses Duett gab es die Zustimmung. Die biografische Verbindung ist konkret. Beide Künstlerinnen stammen aus Texas, Beyoncé hörte Selena schon im Radio in Houston und nennt sie als Inspiration für ihre spanischsprachige EP „Irreemplazable“. Die neue Fassung führt diesen Einfluss nun direkt in die Musik. Damit beschränkt sich die „B'DAY 20th Anniversary Edition“ nicht auf besser aufgelöste Bilder und frisch bearbeitete Audiospuren. Beyoncé geht an Material heran, das für ihre Entwicklung als Produzentin, Songwriterin und visuelle Künstlerin eine wichtige Rolle spielte, und ergänzt Zusammenhänge, die bereits in der ursprünglichen Arbeit angelegt waren. Die Mischung aus R&B-Harmonien, Hip-Hop-Rhythmik, Live-Instrumenten und Sampling war damals bewusst gewählt; die neuen spanischsprachigen Stücke führen die Idee kultureller und musikalischer Querverbindungen weiter. Restaurierte 35-mm-Videos, Aufnahmen aus New Orleans, ein Maluma-Feature samt Celia-Cruz-Sample und das selten genehmigte Selena-Duett machen aus dem Jubiläum deshalb mehr als eine weitere Neuauflage fürs Plattenregal. Vor allem wird sichtbar, wie früh Beyoncé Album, Film, Produktion und kulturelle Referenzen als zusammenhängende Arbeit gedacht hat – lange bevor der Begriff „Visual Album“ untrennbar mit ihrem Namen verbunden wurde.