Dreizehn Jahre ohne neues Studioalbum sind in der Musikwelt eine kleine Ewigkeit. Umso größer waren die Erwartungen an „Inferno“, das neue Werk von Boards Of Canada. Statt sich neu zu erfinden, knüpft das schottische Duo an die Elemente an, die ihren einzigartigen Sound seit Jahren prägen. Warme Analogklänge treffen auf geheimnisvolle Melodien, während unterschwellige Spannung jede Komposition durchzieht. Gleichzeitig erweitert „Inferno“ die vertraute Klangsprache um neue Facetten. Besonders die Einflüsse des experimentellen „Societas X Tape“-Projekts sind deutlich hörbar. Die Stücke wirken stellenweise noch rätselhafter, verspielter und von einer fast spirituellen Atmosphäre umgeben. Wer die detailverliebte Arbeitsweise der beiden Musiker schätzt, wird schnell zahlreiche kleine Klangfragmente entdecken, die sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig erschließen.
Auch die düstere Grundstimmung von „Tomorrow’s Harvest“ lebt auf „Inferno“ weiter. Allerdings geht das Album noch einen Schritt tiefer in unbehagliche Klanglandschaften hinein. Verstärkt eingesetzte Sprachaufnahmen sorgen für zusätzliche Spannung und erzeugen das Gefühl, durch eine Sammlung verlorener Erinnerungen zu wandern. Die Stimmen tauchen oft unerwartet auf, verschwinden wieder im Hintergrund und hinterlassen eine eigentümliche Mischung aus Vertrautheit und Unruhe. Trotz dieser dunklen Momente bleibt genügend Raum für die typischen melodischen Passagen, die Boards Of Canada seit jeher auszeichnen. Gerade dieses Wechselspiel zwischen Schönheit und Beklemmung macht den besonderen Reiz der siebzigminütigen Reise aus. Die Musik fordert Aufmerksamkeit, belohnt dafür aber mit einer außergewöhnlich dichten Atmosphäre.
„Inferno“ wirkt wie eine konsequente Weiterentwicklung des bisherigen Schaffens. Das Duo bleibt seiner Identität treu, ohne sich auf bekannten Mustern auszuruhen. Die lange Spielzeit bietet ausreichend Platz für langsame Entwicklungen, feine Übergänge und zahlreiche emotionale Nuancen. Dabei entsteht kein Album für den schnellen Konsum nebenbei, sondern ein Werk, das man bewusst erleben möchte. Fans der Band dürften genau das bekommen, worauf sie so lange gewartet haben: eine faszinierende Mischung aus Nostalgie, Geheimnis und klanglicher Tiefe. Mit seiner cineastischen Stimmung und den vielschichtigen Arrangements präsentiert sich „Inferno“ als eindrucksvolle Fortsetzung der einzigartigen Welt von Boards Of Canada und als Album, das noch lange nach dem letzten Ton nachwirkt.