Im zweiten Höllenkreis von Die Göttliche Komödie pfeift kein Teufel mit Dreizack, sondern ein Sturm, der alles mitreißt. Schwarze Luft, unsichtbar, aber gnadenlos. Genau dieses Bild hat sich Christian Fuchs geschnappt und in die Gegenwart gezerrt. „Aura Nera“ nennt er das – eine Finsternis, die nicht nur durch Dantes Jenseits weht, sondern auch durch Kommentarspalten, Parlamentsdebatten und Wohnzimmer. Die Inspiration kam über Umwege: In „Im Staub dieses Planeten“ von Eugene Thacker stolperte Fuchs über kosmischen Pessimismus. Die Idee, dass wir im großen Universum eher Staub als Hauptdarsteller sind, lässt ihn nicht mehr los. Klingt düster? Ist es auch. Aber statt Weltuntergangs-Pathos gibt’s hier kühlen, reflektierten Industrial-Pop mit ordentlich Druck. Veröffentlicht wird das Ganze über Noise Appeal Records – natürlich unter dem alten Alias Christian Fetish.
Wer Fuchs kennt, weiß: Existenzangst und Lärm gehören bei ihm zusammen. Schon bei Fetish 69 brüllte er sich durch Alben wie „Antibody“ und „Purge“, während Industrial Rock international hochkochte – mit Acts wie Nine Inch Nails, Ministry oder Godflesh. Zwischen Wien und Graz entstand damals ein Sound, der metallisch schepperte und philosophisch biss. Nach dem Ende der Band suchte Fuchs neue Wege: Mit Bunny Lake wurde es elektronischer, eingängiger, fast charttauglich. Die Buben im Pelz tauchten tief in die Schattenwelt von The Velvet Underground ein, während das Black Palms Orchestra fiktive Soundtracks für imaginäre Abgründe schrieb. Und doch fehlte irgendwann etwas. Schreibblockade, Verluste im engen Kreis, Pandemie-Isolation – keine leichte Mischung. Also Blick zurück nach vorn: Der Name CHRISTIAN FETISH taucht wieder auf, diesmal als Dialog mit dem jüngeren Ich.
Im Studio in der Südsteiermark wird aus dieser Selbstbefragung ein Kollektiv-Trip. Alte Weggefährten wie Christof Baumgartner liefern Gitarren, Wolfgang Frisch und Wolfgang Schlögl (beide mit Sofa Surfers-Vergangenheit) steuern wuchtige Tracks bei. Medina Rekic bringt bluesige Wildheit, Berit Gilma kühle Eleganz. Sonja Maier von Baits zerlegt in „Minus Man“ toxische Männlichkeit, während Richy Dead Gein von Bloodsucking Zombies from Outer Space dem All die Hoffnung austreibt. Selbst Mark Benecke taucht im höllischen Outro auf. Optisch knüpft Martin Koch alias Oxyde Noir an alte Fetish-69-Ästhetik an. Inhaltlich geht’s um Schlaflosigkeit, politische Verdunkelung, fiebrige Begierden und die Frage, was vom alten Ich übrig bleibt. Nostalgie ist hier kein Kuschelkurs, sondern Rohmaterial. Härtere Gitarren treffen auf Elektronik, aber mit neuem Blick. „Aura Nera“ wirkt wie ein Sturm, der nicht alles zerstört – sondern freilegt, was unter der schwarzen Luft schon lange brodelt.