Cover: Cosima Kiby - leben ist zu kurz
7/8
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Cosima Kiby: „leben ist zu kurz“ gegen Perfektionsdruck

Cosima Kiby kennt diesen ziemlich lästigen Gedanken, dass man eigentlich noch ein bisschen mehr sein müsste. Mehr erleben, mehr schaffen, mehr aus sich machen – und bitte nichts verpassen, während alle anderen scheinbar mühelos durchs Leben marschieren. Genau dort beginnt „leben ist zu kurz“. Die Sängerin nimmt sich FOMO, Perfektionismus und den Druck vor, Erwartungen anderer erfüllen zu wollen. Statt daraus eine große Lebensweisheit zu basteln, führt der Song zu einer einfachen Frage: Was bleibt eigentlich übrig, wenn man ständig versucht, für andere richtig zu sein? Kibys Antwort liegt im Loslassen. Gefühle nicht verstecken, wichtige Nachrichten nicht ewig im Entwurfsordner liegen lassen und sich nicht verbiegen, nur um irgendwo hineinzupassen. Das klingt auf dem Papier simpel. Im Alltag sieht die Sache bekanntlich etwas komplizierter aus. Gerade deshalb passt das Thema zu einer Künstlerin, die ihre Texte wiederholt an persönlichen und gesellschaftlichen Konflikten entlangführt. Cosima Kibys Urban Pop beschäftigt sich mit Herzschmerz und Verlust ebenso wie mit Hoffnung und Gesellschaftskritik. „leben ist zu kurz“ verschiebt den Fokus auf einen Druck, der oft weniger sichtbar daherkommt: das permanente Gefühl, noch nicht genug erlebt, erreicht oder aus sich gemacht zu haben. Der Song hält dagegen und erinnert an Menschen und Momente, die im ganzen Optimierungsstress gern mal untergehen.

Die Single bildet zugleich den letzten Vorboten von Cosima Kibys kommender EP „müde träume“. Stück für Stück hat sie zuvor bereits Songs aus diesem neuen Kapitel veröffentlicht. Dass inzwischen eine größere Hörerschaft zuschaut, kommt nicht aus dem Nichts. Ihre zweite EP „gegengift“ sammelte mehr als drei Millionen Streams, parallel wuchs die Zahl ihrer monatlichen Hörer:innen auf über 100.000. Hinzu kamen erste Festivalshows, Support-Auftritte für namhafte Acts und ein erstes eigenes Konzert. Gerade die Live-Seite spielt in Kibys bisheriger Entwicklung eine wichtige Rolle. Ihre Konzerte sind als Raum gedacht, in dem unterschiedliche Reaktionen nebeneinander existieren dürfen – vom Lachen bis zum Weinen. Dieser Gedanke findet sich inhaltlich auch in „leben ist zu kurz“ wieder, allerdings ohne Konzertkontext: Gefühle müssen nicht erst passend gemacht werden, bevor man sie zulässt oder ausspricht. Ebenso wenig muss jede Entscheidung danach bewertet werden, ob sie den Vorstellungen anderer genügt. Besonders greifbar wird das beim Motiv der unausgesendeten Nachricht. Fast jede:r kennt diese kleine digitale Warteschleife: Text geschrieben, noch einmal gelesen, vielleicht gelöscht, neu formuliert – und am Ende bleibt er doch liegen. Kiby nutzt genau solche Situationen, um ein größeres Thema herunterzubrechen. Es geht nicht um eine theoretische Debatte über Selbstverwirklichung, sondern um Entscheidungen, die im Alltag erstaunlich schnell vertagt werden.

„leben ist zu kurz“ führt damit direkt zur „müde träume“-EP und schließt die Reihe ihrer Vorabveröffentlichungen ab. Inhaltlich geht es weniger um den großen Befreiungsschlag als um den Punkt, an dem fremde Erwartungen nicht länger automatisch den eigenen Kurs bestimmen. FOMO gehört genauso dazu wie Perfektionismus und die Vorstellung, man müsse ständig mehr leisten, erleben oder darstellen. Cosima Kiby stellt dem keine komplizierte Anleitung entgegen. Wichtiger ist der Gedanke, ehrlich mit sich selbst umzugehen und Zeit mit den Menschen zu teilen, die tatsächlich Bedeutung im eigenen Leben haben. Auch das Verstecken von Gefühlen bekommt dabei eine konkrete Konsequenz: Wer immer auf den vermeintlich besseren Zeitpunkt wartet, riskiert, dass Gespräche ungeführt und Nachrichten ungesendet bleiben. In diesem Zusammenhang wirkt der Titel weniger wie ein Kalenderspruch, sondern wie eine ziemlich praktische Erinnerung. Kibys bisherige Zahlen geben dem nächsten Kapitel außerdem eine andere Ausgangslage als noch zu Beginn ihrer Laufbahn. Mehr als drei Millionen Streams für „gegengift“ und über 100.000 monatliche Hörer:innen bedeuten, dass „müde träume“ bereits auf ein vorhandenes Publikum trifft. Die neue Single nimmt dafür ein Thema mit, das ziemlich genau in eine Gegenwart voller Vergleichsmöglichkeiten passt: Man sieht rund um die Uhr, was andere angeblich erleben, erreichen und besitzen. Sich davon nicht den eigenen Takt diktieren zu lassen, ist leichter gesagt als getan. „leben ist zu kurz“ macht daraus keinen Motivationsvortrag. Der Song bleibt bei der Entscheidung, weniger nach fremden Erwartungen zu leben – und wichtige Dinge nicht irgendwann zu sagen, sondern solange sie noch gesagt werden können.
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