Wer bei deutschsprachiger Musik mit kantigen Gitarren, inspirierenden Keyboards und einer Sängerin mit ausgeprägtem eigenen Kopf unweigerlich an die frühen Achtziger denkt, liegt bei den Enterbten nicht völlig daneben. Erinnerungen an Nina Hagen und Annette Humpe werden berechtigterweise wach, ohne dass sich die Band mit ihrem Debütalbum „Niemals Zu Spät“ auf bloßes Zitieren beschränkt. Stattdessen holen die Brühler New Wave, NDW-Flair, Punk-Attitüde und deutschsprachigen Rock aus der Vergangenheit und stellen sie unter heutiges Neonlicht. Die Band selbst nennt diese Mischung „Neonpunk“ – ein Begriff, der zunächst nach Marketingabteilung klingt, nach einigen Songs aber erstaunlich präzise beschreibt, was hier passiert.
Vor allem Sängerin Michaela Ansey gibt dem Ganzen eine Identität, die sich nur schwer glattbügeln lässt. Ihre Stimme sucht nicht nach makelloser Pop-Perfektion, sondern lebt von Ausdruck, kleinen Überzeichnungen und einer gelegentlich fast theatralischen Direktheit. Genau dort liegen auch die deutlichsten Parallelen zu Hagen und Humpe: weniger in einer konkreten Kopie ihres Sounds als in dieser Lust, deutschsprachige Texte nicht möglichst neutral, sondern mit Haltung und Persönlichkeit vorzutragen. Hinter den bunten Synthesizern und eingängigen Refrains behandelt „Niemals Zu Spät“ entsprechend keineswegs nur unbeschwerte Themen. Selbstzweifel, Abgrenzung, Gleichberechtigung, schlechte Tage und die Frage, wie viel vom eigenen Leben eigentlich nach den Vorstellungen anderer geführt wird, ziehen sich durch das
„Bock Auf Dieses Leben“ macht daraus treffsicher ein Programm. Der Song ist musikalischer Motivationsschub und Durchhalteparole zugleich. Gitarren, Rhythmusgruppe und Keyboards bauen einen leichtfüßigen Untergrund, über dem Ansey zum Weitermachen auffordert. Subtil geht anders. Aber genau darin liegt ein wesentlicher Teil der Identität dieser Band. Wo andere ihre Botschaften zwischen Metaphern verstecken, schreiben Die Enterbten lieber mit dickem Filzstift.
Der Titelsong „Niemals Zu Spät“ setzt diese Haltung fort. Rockstar werden, mit 60 noch studieren, die Welt bereisen oder schlicht endlich etwas anfangen, das seit Jahren auf der persönlichen Vielleicht-irgendwann-Liste steht: Der Song sammelt Wünsche und Lebensentwürfe beinahe wie Punkte auf einer Bucket List. Seine zentrale Botschaft ist denkbar einfach. Der richtige Zeitpunkt muss nicht gestern gewesen sein.
Musikalisch gehört das Stück zu jenen Momenten, in denen die Achtziger besonders kräftig durch die Studiotür winken. Die Keyboards schimmern, die Gitarren halten dagegen, der Rhythmus bleibt geradlinig und Anseys Gesang besitzt jene leicht eigensinnige Theatralik, die der Musik deutlich mehr Persönlichkeit gibt als ein glattgezogener Popvortrag.
Interessanter wird das Album immer dann, wenn die gute Laune Kratzer bekommt. „Nein“ gehört zu diesen Songs. Hier geht es um Grenzen, Selbstbestimmung und den Versuch, sich einer Person zu entziehen, die Denken, Fühlen und Handeln kontrollieren möchte. Die Enterbten formulieren auch das ohne große Umwege. Das titelgebende Nein wird so lange wiederholt, bis wirklich keine Möglichkeit zur Fehlinterpretation mehr besteht.
Gerade darin zeigt sich jedoch auch eine Schwäche des Albums. Einige Texte funktionieren besser als Haltung denn als Lyrik. Reime werden gelegentlich genommen, weil sie gerade erreichbar sind, manche Formulierung trägt ihre Botschaft so demonstrativ vor sich her, dass kaum Raum für Zwischentöne bleibt. Wer verschachtelte Sprachkunst sucht, dürfte deshalb häufiger die Stirn runzeln, doch dies macht nix. Trotz aller Plakativität schreibt Ansey fantastische Songs und andererseits würde eine plötzlich hochliterarische Sprache wahrscheinlich genauso wenig zu dieser Band passen. Die Enterbten leben von Direktheit, Überzeichnung und einem gewissen charmanten Trotz.
„Stark Wie Ein Shark“ gehört zu den musikalisch stärkeren Belegen dafür. Hinter dem zunächst beinahe albern wirkenden Wortspiel steckt einer der ernsteren Songs des Albums. Bedrohung, Angst und Überforderung stehen einer Figur gegenüber, die sich nicht kampflos aus ihrem eigenen Leben drängen lassen möchte. Die dunkleren Synthesizerfarben stehen dem Stück ausgesprochen gut. Gerade der Kontrast zwischen ernstem Inhalt und einem Refrain, der sich mit seinem „Shark, Shark, Shark“ sofort festsetzt, macht den Song zu einem der eigenwilligsten Momente des Albums.
Danach darf „Hauptgewinn“ deutlich unbekümmerter werden. Liebe und Freundschaft erscheinen als Sechser im Lotto, Glückslos und Volltreffer. Große Überraschungen sollte man in dieser Metaphernkiste nicht erwarten. Dafür besitzt der Song eine sympathische Unmittelbarkeit und weigert sich konsequent, romantische Gefühle künstlich kompliziert erscheinen zu lassen.
Ähnlich offensiv geht „Einzigartig“ mit dem Thema Selbstliebe um. Statt Bescheidenheit gibt es hier das musikalische Gegenprogramm zum täglichen Blick auf vermeintliche Fehler. Ecken, Kanten und Eigenheiten werden nicht wegerklärt, sondern gleich zum Echtheitszertifikat umfunktioniert. Das ist bewusst dick aufgetragen und gelegentlich hart an der Grenze zum Kalenderspruch. Durch Anseys Vortrag bekommt die Nummer allerdings genügend Augenzwinkern, um nicht vollständig im Selbsthilfe-Seminar zu landen.
Mit „Mädchen“ wird es gesellschaftlicher. Die Forderung nach Gleichstellung ist unmissverständlich, ebenso der Wunsch nach einem Leben ohne Angst, Einschränkung oder Bevormundung. Auch hier gilt: Die Botschaft steht weit vorne und wird nicht hinter kunstvollen Umschreibungen versteckt. Musikalisch zieht der Song Energie aus dem Wechselspiel zwischen rockiger Basis und farbigen Keyboardflächen.
Dass Die Enterbten sich selbst nicht permanent bierernst nehmen, beweist anschließend „Im Bett Geblieben“. Verschlafener Wecker, fehlender Kaffee, leere Zahnpastatube, Regen und ein ausverkaufter Bäcker: Aus den kleinen Katastrophen eines vollkommen gebrauchten Tages baut die Band eine herrlich banale Alltagskomödie. Gerade weil hier einmal nicht gleich die großen Fragen der Menschheit verhandelt werden, gehört der Song zu den angenehmsten Nummern des Albums.
„Frei“ nimmt anschließend wieder den größeren Gedanken auf. Loslassen, aufhören zu rennen, weniger nachdenken und sich selbst erlauben, einfach zu existieren. Interessant ist dabei, wie häufig „Niemals Zu Spät“ um dieselbe Grundfrage kreist: Wie viel Kontrolle über das eigene Leben besitzt man eigentlich noch, wenn Erwartungen, Sorgen, andere Menschen oder schlicht der eigene Kopf ständig dazwischenfunken?
Zum Abschluss beantwortet „Tick Tack“ diese Frage mit einem imaginären Sekundenzeiger. Aufschieberitis bekommt hier die Gestalt des inneren Schweinehundes, während im Hintergrund unerbittlich die Zeit herunterläuft. Damit schließt sich der Kreis zum Albumtitel ziemlich sauber: Irgendwann sollte aus dem Vorsatz tatsächlich eine Handlung werden.
Was „Niemals Zu Spät“ dabei zusammenhält, ist weniger ein einzelnes Genre als eine gemeinsame Ästhetik. Die Keyboards holen New-Wave-Farben hervor, die Gitarren verhindern den kompletten Ausflug in den Synthpop, Bass und Schlagzeug halten die Songs kompakt. Punk steckt bei den Enterbten deshalb mindestens genauso sehr in der Haltung wie im Klang. Wer bei dem Begriff ausschließlich drei Akkorde, Vollgas und Sicherheitsnadeln erwartet, dürfte mit der Selbstbeschreibung „Neonpunk“ zunächst einige Verhandlungen führen müssen.
Die Produktion lässt den Instrumenten genügend Platz und wirkt erfreulich wenig steril. Besonders die Synthesizer dürfen tatsächlich Charakter entwickeln, statt lediglich irgendwo hinter den Gitarren dekorative Flächen auszulegen. Gleichzeitig bleibt Michaela Anseys Stimme klarer Mittelpunkt der zehn Stücke. Sie klingt nicht nach austauschbarer Perfektion, sondern nach Persönlichkeit – inklusive kleiner Ecken, bewusster Überzeichnung und einer Ausdrucksweise, die man nach wenigen Songs wiedererkennt.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Qualität dieses Debüts. Die Enterbten haben bereits eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, was Die Enterbten sein sollen. Das schützt „Niemals Zu Spät“ nicht vor sprachlichen Holzwegen, allzu offensichtlichen Reimen oder Botschaften, die gelegentlich noch etwas mehr Vertrauen in die Interpretationsfähigkeit ihrer Hörer vertragen könnten. Dafür klingt hier wenig nach Kalkulation.
„Niemals Zu Spät“ ist ein buntes, gelegentlich schräges und überraschend persönliches Debüt. Zwischen New Wave, Punk, deutschsprachigem Rock und poppigem Achtziger-Flair erzählen Die Enterbten von Selbstbehauptung und Selbstzweifeln, Liebe, Gleichstellung, miesem Wetter und dem ewigen Kampf gegen das Aufschieben.
Eine musikalische Zeitkapsel ist das durchaus. Nur steht sie nicht staubig im Museum. Irgendjemand hat sie geöffnet, neue Batterien eingelegt und beschlossen, dass die alten Neonröhren ruhig noch ein bisschen weiterleuchten dürfen.