Cover: DJ Sequenza & Enerdizer - Piece Of My Heart
7/8
mix1 Bewertung

DJ Sequenza & Enerdizer drehen „Piece Of My Heart“ auf

DJ Sequenza und Enerdizer haben sich einen Track vorgenommen, dessen Vocal-Hook bei Eurodance-Fans ziemlich schnell den inneren Discman anschaltet. „Piece Of My Heart“, bekannt durch Intermission und fest mit dem Eurodance der 90er verbunden, landet bei dem Duo allerdings nicht in einer nostalgischen Schonzone. Statt den Klassiker lediglich etwas lauter zu mastern und anschließend das Retro-Schild dranzuhängen, wird das Material in Richtung Techno verschoben. Im Zentrum der Bearbeitung bleiben die wiedererkennbaren Vocals, während darunter deutlich schwereres Gerät arbeitet: harte Kicks, vorwärts laufende Basslines und groß angelegte Drops bestimmen das Gerüst. Der Kontrast ist klar. Oben sitzt eine Hook, die ihre Herkunft nicht versteckt, unten drückt ein Club-Fundament, das für wesentlich härtere Sets gedacht ist. Genau diese Kombination macht die Neuauflage interessant, denn DJ Sequenza und Enerdizer verzichten nicht auf das prägende Element des Originals. Wer „Piece Of My Heart“ kennt, muss also nicht lange rätseln, welcher Eurodance-Titel hier gerade durch die Anlage marschiert. Gleichzeitig bleibt die Produktion nicht beim bloßen Wiedererkennungseffekt hängen. Aufbau und Druck orientieren sich an Techno und Rave, wodurch der Song eine andere Funktion auf dem Dancefloor bekommt. Aus dem 90er-Jahre-Ohrwurm wird Material für jene Momente, in denen ein DJ zwischen geradlinigem Kickdruck und bekannter Vocal-Line wechseln will.

Die Vorlage von Intermission bringt dafür ziemlich ideale Voraussetzungen mit. Gerade der markante Gesang ist jener Teil, der „Piece Of My Heart“ sofort identifizierbar macht. DJ Sequenza und Enerdizer lassen diesen Wiedererkennungswert bestehen, stellen ihm jedoch eine Produktion gegenüber, die deutlich stärker auf Peak-Time-Einsatz ausgelegt ist. Pounding Kicks und treibende Bässe übernehmen die körperliche Arbeit, die Drops schaffen die entsprechenden Brüche im Arrangement. Das klingt auf dem Papier nach einer einfachen Rechnung, verlangt in der Praxis aber eine klare Entscheidung darüber, was vom alten Song bleiben soll und was neu gebaut werden muss. Hier fällt die Antwort eindeutig aus: Die Vocal-Hook fungiert als Brücke zum Eurodance-Original, während Rhythmus und Dynamik das Stück in ein Techno-Umfeld rücken. Dadurch entsteht keine originalgetreue Neuauflage, sondern ein Rework mit verändertem Schwerpunkt. Die 90er sind hörbar vorhanden, tragen aber keine Buffalos auf dem Rücken der gesamten Produktion. Stattdessen wird der bekannte Refrain als Fixpunkt genutzt, um zwischen härteren Passagen schnell wieder Orientierung zu schaffen. Für Clubsets ist dieses Prinzip naheliegend. Ein bekanntes Motiv kann innerhalb weniger Sekunden Reaktionen auslösen, während die neue Rhythmussektion verhindert, dass der Energiepegel beim Wechsel auf älteres Songmaterial einknickt. Genau darauf ist die Bearbeitung angelegt: Dancefloors, Festivalbühnen und die druckvolleren Phasen eines DJ-Sets. Dass die Produzenten dafür ausgerechnet einen Eurodance-Titel auswählen, passt zur aktuellen Schnittmenge aus Techno, Rave und 90er-Referenzen, ohne dass der Song seine ursprüngliche Identität komplett abgeben muss.

Interessant ist vor allem, wie eindeutig die Rollen innerhalb des Tracks verteilt sind. Die Vocals kümmern sich um Erinnerung und Wiedererkennung, Kick und Bass um den Vorwärtsdrang. Dazwischen sitzen die Drops als Umschaltpunkte, an denen aus dem bekannten Songzitat wieder ein härteres Clubstück wird. DJ Sequenza und Enerdizer verfolgen damit keine subtile Neuinterpretation für Kopfhörerabende bei Kamillentee. „Piece Of My Heart“ ist in dieser Fassung klar für große Anlagen gedacht. Das erklärt auch, weshalb die Produktion mit direkten rhythmischen Mitteln arbeitet und nicht versucht, das Ausgangsmaterial durch zahlreiche neue Elemente unkenntlich zu machen. Gerade DJs bekommen dadurch einen Track, der zwei Welten ohne lange Vorrede zusammenbringt: Eurodance-Nostalgie über die prägende Hook, Techno-Druck über das neu gebaute Fundament. Wer das Intermission-Original im Ohr hat, erkennt den Bezug unmittelbar; wer vor allem wegen der härteren Clubproduktion einsteigt, bekommt trotzdem keinen Retro-Edit, der ausschließlich von seiner Vorlage lebt. Der Reiz steckt vielmehr im Wechselspiel zwischen vertrautem Gesang und einem Arrangement, das auf hohe Energie ausgelegt ist. Damit eignet sich die Nummer besonders für Sets, in denen bekannte 90er-Motive auftauchen dürfen, ohne dass anschließend musikalisch die Handbremse gezogen werden muss. „Piece Of My Heart“ bleibt also erkennbar „Piece Of My Heart“ – nur mit Kicks, die vermutlich wenig Interesse daran haben, den Nachbarn eine ruhige Nacht zu gönnen.

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