„Perspectivity“ wirkt wie ein bewusst gewählter Blickwechsel – und genau so hört sich das Ganze auch an. Das Trio ELMO NERO liefert hier keinen easy Listening Jazz, sondern ein Album, das Aufmerksamkeit einfordert. Schon nach den ersten Takten wird klar: Hier geht es nicht darum, sich zurückzulehnen, sondern mitzudenken. Gitarrist Christoph Helm, Bassistin Gina Schwarz und Drummer Chris Parker spielen nicht nebeneinander, sondern miteinander – und manchmal auch gegeneinander. Genau diese Reibung macht den Reiz aus. Statt glatter Harmonien gibt es Kanten, Brüche und überraschende Wendungen, die sich trotzdem nie beliebig anfühlen.
Was besonders hängen bleibt, ist diese permanente Spannung zwischen Kontrolle und Chaos. Die Stücke wirken durchkomponiert, lassen aber genug Raum für spontane Momente. Mal treiben die Drums alles nach vorne, mal übernimmt der Bass das Steuer, während die Gitarre fast schon erzählerisch dazwischenfunkt. Diese Rollenwechsel sorgen dafür, dass man nie wirklich weiß, was als Nächstes passiert. Und genau das hält die Musik lebendig. Die rhythmische Komplexität ist dabei kein Selbstzweck, sondern fühlt sich organisch an – fast so, als würde das Trio im selben Moment entdecken, wohin die Reise geht. Das Ergebnis: ein Sound, der gleichzeitig dicht und offen wirkt.
Im Vergleich zum Debüt wirkt „Perspectivity“ noch fokussierter, vielleicht auch mutiger. Die Band scheint sich ihrer eigenen Sprache sicherer zu sein und spielt stärker mit Kontrasten. Fragile, fast zerbrechliche Passagen stehen plötzlich neben kraftvollen, fast rohen Ausbrüchen. Diese Dynamik sorgt dafür, dass das Album nicht nur technisch beeindruckt, sondern auch emotional greift. Es ist kein Werk, das sich sofort komplett erschließt – eher eines, das mit jedem Durchlauf wächst. Genau darin liegt die Stärke: „Perspectivity“ fordert heraus, bleibt aber zugänglich genug, um nicht zu verlieren. Ein Album, das Perspektiven nicht nur thematisiert, sondern hörbar macht.