Cover: FEE PENAFIEL - Die Wolken über uns
7/8
mix1 Bewertung

FEE PENAFIEL: „Die Wolken über uns“ ganz nah

Bei FEE PENAFIEL beginnt ein Song offenbar nicht mit einem großen Plan, sondern ziemlich bodenständig: auf der Bettkante, eine Flohmarkt-Gitarre in der Hand. Und dieses Instrument hat eine kleine Eigenheit, die fast schon mehr über ihre Arbeitsweise erzählt als eine ausführliche Studioanekdote. Die Saiten wurden noch nie gewechselt. Sie gehören zur Gitarre, die Gitarre gehört zum Schreiben – fertig. Genau dort lässt sich auch der Ansatz von „Die Wolken über uns“ verorten. Das neue Album der Frankfurter Musikerin bleibt bei jener Mischung, die bereits ihre bisherigen Arbeiten geprägt hat: Indie-Pop trifft Singer-Songwriter, Texte entstehen aus echten Geschichten. Der Abstand zwischen Verfasserin und Lied soll möglichst klein bleiben. First Take statt nachträglich glattgezogener Inszenierung. Das ist keine Nebensache, sondern eine ziemlich konkrete Beschreibung davon, wie diese Musik gedacht ist. Man soll nicht vor einer sorgfältig ausgeleuchteten Kulisse stehen und die Songwriterin irgendwo dahinter suchen müssen. Eher sitzt man gedanklich daneben, wenn aus einer Beobachtung, einer Erinnerung oder einem Stück gelebtem Alltag ein Lied wird. Nach „Nachtluft“ hat sich im Leben von FEE PENAFIEL einiges bewegt. Die Basis ihres Schreibens blieb trotzdem dieselbe. Vielleicht passt deshalb ausgerechnet diese alte Gitarre so gut ins Bild: Das Leben zieht neue Saiten auf, während das tatsächliche Instrument sich diesem Prinzip seit Jahren ziemlich erfolgreich verweigert.

Woher diese enge Verbindung zu akustischer Musik kommt, lässt sich bei FEE PENAFIEL weit zurückverfolgen. Ihr frühestes musikalisches Erinnerungsbild spielt nicht auf einer Bühne und auch nicht in einem Proberaum. Es ist eine Familienszene. Zusammen mit ihrer Schwester quetscht sie sich in einen viel zu engen Sessel. Die Mutter sitzt am Feuer und spielt Akustik-Gitarre. Mehr braucht diese Erinnerung nicht. Gerade die Details machen sie greifbar: zwei Kinder auf zu wenig Platz, Feuer, Gitarre, zuhören. Musik taucht hier nicht als Beruf oder Vorführung auf, sondern als etwas, das im Raum vorhanden ist und zum Alltag gehört. Dieses musikalische Urvertrauen aus der Kindheit bildet einen nachvollziehbaren Hintergrund für die Nähe, die auch „Die Wolken über uns“ prägen soll. FEE PENAFIEL arbeitet nicht aus einer erfundenen Distanz zur eigenen Geschichte heraus. Ihre Songs hängen an konkreten Erlebnissen und an einer Art des Schreibens, die offenbar zuerst funktionieren muss, bevor irgendjemand über Verpackung nachdenkt. Dass die Flohmarkt-Gitarre weiterhin bevorzugter Ausgangspunkt ist, passt dazu erstaunlich gut. Kein Instrument mit eingebautem Mythos, kein museales Sammlerstück, sondern ein Arbeitsgerät, das seinen Platz auf der Bettkante gefunden hat. Und während andere Gitarristen beim Gedanken an jahrelang unangetastete Saiten vermutlich kurz nervös zum Gitarrenkoffer schauen, gehört genau diese Konstanz bei ihr zur Geschichte.

„Die Wolken über uns“ folgt damit auf „Nachtluft“, ohne die Jahre dazwischen einfach wegzuwischen. Das Leben habe neue Saiten aufgezogen – ein schönes Bild, zumal die echten Saiten der Flohmarkt-Gitarre davon ausdrücklich ausgenommen sind. Inhaltlich bleibt entscheidend, dass FEE PENAFIEL ihre Songs aus Geschichten entwickelt, die einen realen Ausgangspunkt haben. Musikalisch bewegt sie sich weiterhin zwischen Indie-Pop und Singer-Songwriter. Interessanter als ein Genre-Etikett ist allerdings die Arbeitsweise dahinter. Der First-Take-Gedanke zielt auf unmittelbare Aufnahmen und möglichst wenig Inszenierung. Das passt zu Liedern, deren Kern nicht erst durch eine große Produktionsidee hergestellt werden soll. Nähe entsteht hier schon beim Schreiben: Bettkante statt Reißbrett, eine vertraute Gitarre statt wechselnder Ausgangspunkte. Auch das Erinnerungsbild aus der Kindheit bekommt in diesem Zusammenhang Gewicht. Wer Musik zuerst als gemeinsames Zuhören in einem engen Sessel erlebt hat, kennt sie zunächst als etwas Persönliches und Alltägliches, lange bevor Begriffe wie Indie-Pop oder Singer-Songwriter überhaupt eine Rolle spielen. Genau diese Linie führt bis zu FEE PENAFIELs neuem Album. Nicht als romantisch ausgeschmückte Herkunftsgeschichte, sondern über erstaunlich konkrete Konstanten: Familie, Akustik-Gitarre, eigene Erlebnisse, direkt geschriebene Songs. Dazwischen liegt ein Leben, das sich verändert hat. Der Ausgangspunkt dagegen ist noch da. Und vermutlich wartet irgendwo schon die Flohmarkt-Gitarre auf der Bettkante – weiterhin mit denselben Saiten. Gitarrentechniker müssen jetzt sehr tapfer sein.
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Tracklist

01 Halbe Songs 02:19
02 Lost im Paradies 02:47
03 Karussell 03:06
04 Frei sein reicht 02:23
05 Gut 02:04
06 Genug 02:27
07 Graue Wolke 02:53
08 Ostendallee 03:23
09 Im Dunkeln 02:48
10 Aber Marie 02:14

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