Mit „ISSO“ liefert Georg Stengel kein Album, das sich brav in irgendeine Playlist-Ecke stellen lässt. Wer hier nach einem klaren roten Faden sucht, sucht erstmal ins Leere – und genau das ist der Plan. Statt sich zwischen Pop, Schlager oder Party zu entscheiden, nimmt Stengel einfach alles mit. Mal ernst, mal komplett drüber, mal emotional und dann wieder mit Bier in der Hand Richtung Eskalation. Klingt nach Chaos, fühlt sich aber eher nach Befreiung an. Der Typ macht hier einfach das, worauf er Bock hat, ohne Rücksicht auf Genre-Regeln oder Erwartungshaltungen. Genau das gibt dem Album diese unberechenbare Energie, die man nicht so schnell skippt. Man merkt schnell: Hier will keiner gefallen um jeden Preis, sondern einfach rauslassen, was da ist – und das ist ziemlich viel.
Spannend wird’s vor allem da, wo Stengel persönlich wird. Der Albumtitel ist nämlich kein Zufall: Rückwärts gelesen ergibt „ISSO“ eben „OSSI“. Mit dem gleichnamigen Track setzt er seiner Herkunft ein ziemlich klares Statement. Zwischen Liedermacher-Vibes und Party-Eskalation geht’s um Vorurteile, Klischees und dieses typische Schubladendenken, das viele aus dem Osten kennen. Das wirkt nicht wie ein erhobener Zeigefinger, sondern eher wie ein direkter Konter mit Augenzwinkern und Haltung. Gleichzeitig zeigt das Album auch andere Seiten: Tracks wie „Der Himmel weint“ oder „Alles schon gesagt“ gehen deutlich tiefer und verarbeiten Trennung, Verlust und dieses Gefühl, wenn Dinge einfach vorbei sind. Und dann gibt’s wieder Songs wie „Bella Bella“, die eher nach Sonne, Urlaub und guter Laune klingen. Dieses Hin und Her wirkt nicht planlos, sondern eher wie ein ehrlicher Blick auf alles, was zum Leben dazugehört – von komplett euphorisch bis ziemlich nachdenklich.
Musikalisch dreht Stengel dabei ordentlich auf. „Abgefahren“ schiebt mit technoidem Druck nach vorne, während „Hey Chef“ ganz klar Richtung Ballermann-Hymne marschiert. Genau dieser Mix aus Club, Pop und Schlager zieht sich durch das ganze Album. Besonders auffällig: Stengel nimmt sich selbst dabei nicht zu ernst. Auf „Wenn das deine Mutter wüsste“ blitzt der Einfluss von Roland Kaiser durch – charmant, leicht doppeldeutig und mit genug Raum für eigene Gedanken. Gleichzeitig bleibt er emotional greifbar, ohne kitschig zu werden. „ISSO“ ist am Ende genau das, was der Titel verspricht: ein Album, das Höhen und Tiefen einfach akzeptiert, ohne großes Drama daraus zu machen. Mal laut, mal leise, mal komplett drüber – aber immer irgendwie echt. Und genau deshalb funktioniert’s: weil es nicht perfekt sein will, sondern einfach alles ausprobiert, was gerade passt.