Gernot Wohlfahrt schaut bei „Durchmarsch“ ziemlich deutlich auf jene Techno-Jahre, in denen rohe Beats, tiefe Basslines und eigenwillige Synthesizer wichtiger waren als glatt polierte Oberflächen. Die Einflüsse aus den 90ern und 2000ern bilden das Fundament des Albums. Darauf landen harte Beats, schwere Bässe und tief laufende Grooves, die konsequent Richtung Dancefloor arbeiten. Nostalgie allein ist allerdings nicht das Ziel. Wohlfahrt greift die damalige Direktheit auf und kombiniert sie mit Synthesizer-Melodien, die bewusst aus dem üblichen Raster fallen. Mal wirken sie wild und verschroben, mal psychedelisch oder futuristisch. Dadurch entsteht zwischen dem massiven rhythmischen Unterbau immer wieder Bewegung in den oberen Frequenzen. Der Albumtitel passt zu dieser Konstruktion ziemlich gut: Stillstand gehört offensichtlich nicht zum Programm. Trotz des durchgehenden Drucks folgen die Stücke nicht einfach derselben Blaupause. Unterschiedliche Ansätze innerhalb des Techno-Rahmens halten das Material variabel, während Beats, Bass und Groove als verbindende Elemente dienen. „Durchmarsch“ orientiert sich damit an einer Zeit, in der Techno gerne rauer, experimenteller und weniger berechenbar auftreten durfte.
Besonders deutlich wird dieser Ansatz im Wechsel zwischen dunkleren Passagen und ungewöhnlichen elektronischen Details. Tiefe, antreibende Rhythmen bauen das Grundgerüst, darüber bekommen die Synthesizer erstaunlich viel Freiraum. Wohlfahrt beschränkt sie nicht auf dekorative Flächen oder vorhersehbare Hooks. Die beschriebenen Melodien dürfen schräg werden, unerwartete Richtungen einschlagen und psychedelische Akzente einstreuen. Das verändert auch die Wahrnehmung der schweren Basslines: Der Unterbau bleibt konsequent, während darüber deutlich weniger Ordnung herrscht. Ein bisschen kontrolliertes Synthesizer-Chaos kann schließlich nicht schaden. Gerade die Mischung aus dunklen Abschnitten, massivem Low-End und teilweise futuristisch gefärbten Sounds grenzt „Durchmarsch“ von einer reinen Retro-Produktion ab. Die 90er- und 2000er-Referenzen sind klar vorhanden, werden aber nicht als historische Kopie behandelt. Stattdessen dienen sie als Ausgangspunkt für Tracks, die mit hypnotischen Rhythmen und überraschenden elektronischen Einfällen arbeiten. Das Album hält dabei an seiner Cluborientierung fest. Selbst wenn die Synthesizer kurz einen Ausflug ins Unberechenbare unternehmen, bleibt der Groove als Orientierung erhalten. Diese Spannung zwischen geradem körperlichem Druck und eigenwilligen Melodieverläufen gehört zu den zentralen Merkmalen der Produktion.
Vom ersten Beat bis zum letzten Stück bleibt die Energie hoch. „Durchmarsch“ versteht Techno nicht als Hintergrundbeschallung, sondern als Musik, deren Wirkung wesentlich aus Bassdruck, Wiederholung und rhythmischer Konsequenz entsteht. Gleichzeitig verhindert Wohlfahrts Umgang mit den Synthesizern, dass daraus ein streng vorhersehbarer Ablauf wird. Die Sounds können psychedelisch, futuristisch oder schlicht ziemlich eigensinnig ausfallen. Genau hier treffen die verschiedenen zeitlichen Bezugspunkte des Albums aufeinander. Der rohe Charakter früherer Techno-Jahre steckt in Beats, Basslines und dem kompromisslosen Vorwärtsdrang; die ungewöhnlichen melodischen Ideen lösen das Material wiederum von einer reinen Rückschau. Wer die elektronische Clubmusik der 90er und 2000er kennt, dürfte einige vertraute Grundprinzipien wiedererkennen, ohne dass „Durchmarsch“ ausschließlich davon lebt. Dazu kommen dunkle Klangpassagen und hypnotische Wiederholungen, die zwischen den härteren Momenten zusätzliche Spannung schaffen. Viel mehr braucht dieses Konzept nicht. Gernot Wohlfahrt konzentriert sich auf jene Bauteile, die hier tatsächlich relevant sind: schwere Basslines, druckvolle Beats, tiefe Grooves und Synthesizer, die gelegentlich lieber querfeldein laufen als brav auf der markierten Strecke zu bleiben. So entsteht ein Techno-Album, das seine Old-School-Einflüsse offen trägt und gleichzeitig genügend elektronische Unruhe zulässt, um nicht im Rückspiegel hängen zu bleiben.
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