Hollywood Vampires haben für „At Montreux Jazz Festival“ einen Konzertabend aus dem Jahr 2018 aus dem Archiv geholt. Und bei dieser Besetzung dürfte schon die Namensliste reichen, um die ungefähre Richtung zu klären: Alice Cooper, Johnny Depp, Aerosmith-Gitarrist Joe Perry und Tommy Henriksen standen gemeinsam beim Montreux Jazz Festival auf der Bühne. Der Mitschnitt hält einen Auftritt fest, bei dem die Band ihr eigenes Material mit bekannten Songs und ausgewählten Coverversionen kombinierte. Genau diese Mischung gehört seit jeher zur Idee der Hollywood Vampires. Das Projekt entstand nicht einfach als weitere prominente Rockband, sondern trägt die Erinnerung an verstorbene Musiker und Weggefährten fest in seiner Geschichte. Entsprechend bekommen die Cover im Konzert einen anderen Stellenwert als bei einer gewöhnlichen Best-of-Runde. Sie funktionieren als Verweise auf Künstler, Songs und eine Rockgeschichte, mit der die beteiligten Musiker selbst eng verbunden sind. Montreux bietet dafür einen ziemlich passenden Schauplatz. Das Festival hat über Jahrzehnte Musiker aus Jazz, Blues, Rock und zahlreichen angrenzenden Genres auf seine Bühnen geholt und längst selbst einen festen Platz in der Musikgeschichte. Hollywood Vampires trafen dort auf ein Publikum, das vermutlich schon deutlich schwierigere Genregrenzen überlebt hat als die zwischen Jazzfestival und Rockshow.
„At Montreux Jazz Festival“ dokumentiert diesen Abend als Konzert und nicht als nachträglich glattgezogene Studioversion der Band. Im Zentrum der Aufnahme steht die damalige Bühnenbesetzung mit vier Musikern, deren Lebensläufe aus ziemlich unterschiedlichen Ecken zusammenlaufen. Alice Cooper bringt seine jahrzehntelange Geschichte als Sänger und Bühnenfigur mit, Joe Perry ist als Gitarrist von Aerosmith geprägt, Johnny Depp gehört seit der Gründung zum Kern der Hollywood Vampires, Tommy Henriksen ist ebenfalls ein zentraler Bestandteil der Band. In Montreux traf diese Konstellation auf ein Set, das Bekanntes nicht einfach abhakte. Die ausgewählten Cover waren als Hommage an Rockmusiker und Kollegen gedacht, deren Einfluss bis in die Gegenwart reicht. Das ist ein wichtiger Unterschied. Hier wird nicht wahllos im großen Classic-Rock-Regal herumgegriffen, nur weil das Publikum die Refrains kennt. Die Auswahl folgt dem Grundgedanken der Hollywood Vampires und damit einer Bandhistorie, die eng mit der Erinnerung an frühere Freunde, Kollegen und prägende Figuren der Rockmusik verknüpft ist. Gleichzeitig enthält das Programm bekannte Songs der Gruppe. Dadurch entsteht ein Konzertmitschnitt, der mehr dokumentiert als eine Reihe einzelner Titel: Er hält fest, wie Hollywood Vampires ihr eigenes Material und ihre musikalischen Referenzen auf derselben Bühne zusammenbrachten. Ohne Studioabstand, mitten in einem Festivalabend.
Für Fans von Alice Cooper, Johnny Depp, Joe Perry und Tommy Henriksen schließt „At Montreux Jazz Festival“ damit eine ziemlich konkrete Lücke. Wer 2018 nicht im Publikum stand, bekommt den damaligen Auftritt nun als Veröffentlichung nach Hause. Gerade bei Hollywood Vampires ergibt ein Live-Dokument Sinn, weil ein wesentlicher Teil des Bandkonzepts auf dem gemeinsamen Spielen jener Musik basiert, aus der das Projekt hervorgegangen ist. Die Cover sind deshalb keine dekorativen Zugaben zwischen eigenen Nummern. Sie gehören zum Kern der Sache. Hinzu kommt der spezielle Rahmen des Montreux Jazz Festival, das trotz seines Namens seit Langem weit über Jazz hinausblickt und regelmäßig große Namen aus der Rockmusik beherbergt. Der Mitschnitt konserviert somit eine Begegnung zwischen einer prominent besetzten Rockband, einem traditionsreichen Festival und einem Repertoire, das bewusst auf verschiedene Kapitel der Rockgeschichte verweist. Wer bei einem Livealbum vor allem wissen will, was an jenem Abend tatsächlich auf der Bühne passierte, findet hier genau diesen Ansatz: ein konkretes Konzert, eine klar umrissene Besetzung und ein Programm aus Bandmaterial sowie ausgesuchten Hommagen. Kein Ersatz für einen Platz vor der Bühne – das wäre dann doch etwas viel verlangt. Aber für alle, die diesen Montreux-Abend verpasst haben, ist „At Montreux Jazz Festival“ die Gelegenheit, ihn Jahre später noch einmal als zusammenhängendes Konzert zu erleben.