Rock mit deutschen Texten: Das klingt erst einmal nach einem dieser Genre-Schilder, bei denen man vorsichtshalber schon mal den Fluchtweg sucht. Zu oft steckt dahinter Pathos nach Baukasten, Gitarrenbrei mit Mitgrölfaktor oder Befindlichkeitsprosa aus dem Reimlexikon. IHR! aus Düsseldorf machen es auf „Gestern War Besser“ erfreulich anders. Die Band drückt nicht auf die Deutschrock-Tube, sie zieht die Schrauben an: drei Songs, kein Füllmaterial, viel Druck, viel Melancholie und genug Arrangement-Verstand, um nicht jede Emotion sofort mit Vollgas gegen die Wand zu fahren.
Ganz aus dem Nichts kommt diese Sicherheit nicht. IHR! sind weniger ein kompletter Neustart als eine konsequente Weiterentwicklung: Die Band ist aus Mars Saiberts Soloband hervorgegangen und war in ihrem Ursprung gewissermaßen das musikalische Rückgrat seiner eigenen Songs. Was früher essenziell Mars’ Soloband war, hat sich inzwischen zu einer Formation mit eigener Identität verdichtet. Genau das hört man „Gestern War Besser“ an. Hier steht nicht mehr der Solist mit Begleitmannschaft im Vordergrund, sondern ein Kollektiv, das Saiberts Stimme trägt, kontert und musikalisch erdet.
Mars Saibert bringt als Frontmann ohnehin eine Biografie mit, die zwischen Schauspiel, Popkarriere und Rockbühne pendelt: „Unter uns“, weitere TV- und Filmrollen wie in Til-Schweigers ZweiOhrKüken, Soloerfolge mit „On Air“ und „Reason“, dazu die Teilnahme bei „The Voice of Germany“. Das könnte nach Promi-Bonus riechen, tut es aber nicht. Saibert singt nicht wie jemand, der sich vor den Song stellt und „hier bin ich“ ruft. Er klingt eher wie einer, der weiß, wann eine Zeile Druck braucht und wann sie besser nach innen kippt. Sein Bariton gibt diesen Songs Schwere, ohne sie in Theaternebel zu ertränken.
Auch Fabian Ratsak (MGP & Roomers) ist kein Gitarrist aus der Kategorie „Hauptsache Brett“. Seine Vergangenheit mit Roomers, drei Alben, der Tontalent-Erfolg 2012, seine Arbeit als Gitarrenlehrer, Workshop-Dozent sowie Studio- und Live-Musiker hört man hier nicht als Visitenkartenprahlerei, sondern als Handwerk. Ratsak spielt nicht gegen die Songs an, sondern in sie hinein. Zusammen mit Justus Großkreutz, der Produktion und Sounddesign hörbar zusammenhält, entstehen Gitarrenflächen, die mehr können als nur anschieben. Sie kratzen, schieben, öffnen Räume und lassen Luft, wo andere Bands längst noch ein Layer draufgekippt hätten.
Der Titelsong „Gestern war besser“ setzt genau dort an, wo Nostalgie gefährlich wird: nicht beim warmen Zurückschauen, sondern bei der Frage, ab wann Erinnerung zur Falle wird. Das Stück rollt im mittleren Tempo an, schwer, bluesig grundiert, aber nie schwerfällig. Man kann hier an Selig denken, an diese rauchige, leicht angeschlagene Rock-Melancholie, die nie ganz sauber ausgeleuchtet sein will. Auch Rio Reiser steht als Referenz im Raum, weniger wegen direkter Ähnlichkeit, mehr wegen der Art, wie Saibert Gefühl nicht glattpoliert, sondern mit Rissen stehen lässt. „Gestern war besser“ romantisiert das Früher nicht. Der Song schaut ihm ins Gesicht und merkt: War vielleicht gar nicht besser. Fühlt sich nur so an, weil die Gegenwart gerade nervt.
Das Arrangement ist dabei der eigentliche Star auf der Klangbühne. Vladi Janevski (Bekannt von MGP & Roomers) hält das Schlagzeug präzise und körperlich, Benjamin Dorok drückt am Bass warm von unten, ohne stumpf die Gitarren zu verdoppeln. Kleine Piano-Einspielungen, geschmackvolle Soli und kontrollierte Dynamik sorgen dafür, dass der Song nicht im eigenen Gewicht versinkt. Hier wird nicht einfach produziert, hier wird gebaut. Und zwar mit einem Gespür dafür, wann ein Sound nach vorne muss und wann er besser im Halbschatten wirkt.
„Still“ zieht die Temperatur anschließend spürbar herunter. Der Song war bereits auf „Paradigma“ vertreten, fügt sich hier aber nicht wie ein Recycling-Baustein ein, sondern wie das dunkle Zentrum der EP. Inhaltlich geht es um das Ende, das nicht explodiert, sondern auskühlt. Sprachlosigkeit, Kälte, Entfremdung: keine neuen Themen, aber IHR! umgehen die üblichen Klischeefallen. Kein großes „Warum hast du mich verlassen?“-Gejammer, kein Herzschmerz mit erhobenen Armen. Stattdessen arbeitet der Song mit Spannung, Groove und kontrollierter Zurücknahme. Hier riecht es aber nicht nach Recycling, der Song passt textlich irgendwie perfekt zum eigentlichen Titeltrack.
Gerade hier zeigt sich die Nähe zu Bands Selig oder auch wie die einigstigen Poprocker Echt in ihrer erwachseneren, ernsteren Lesart: deutschsprachiger Rock mit Pop-Sensibilität, aber ohne den Reflex, jede Kante radiotauglich wegzuschleifen. „Still“ könnte theoretisch zugänglich sein, weigert sich aber, bequem zu werden. Die Bassarbeit bewegt sich, die Gitarren verdichten, Saibert bleibt emotional nah dran, ohne den Refrain zur Gefühlskeule aufzublasen. Das ist stark arrangiert, weil es dem Song vertraut. Nicht jeder Moment muss übererklärt werden. Nicht jede Stille braucht ein Solo.
„Schmerz“ macht zum Schluss wieder mehr Druck. Der Track kommt massiver, direkter, kampfbereiter. Dass er bereits als Soundtrack im „Fame Fighting“-Kontext eingesetzt wurde, passt: Diese Nummer hat mehr Schlagkante, mehr Geradeaus-Energie, mehr Arena im Blick. Kompositorisch ist „Schmerz“ nicht ganz so fein verästelt wie „Gestern war besser“ oder „Still“. Manchmal arbeitet der Song eher mit Wucht als mit Überraschung, und in der Rhythmussektion hätte ein Tick mehr Raffinesse nicht geschadet.
Aber: Der Track funktioniert. Weil Großkreutz' und Ratsaks Gitarrenarbeit genügend Charakter liefert. Weil die Produktion nicht zu einem grauen Lautstärkeziegel komprimiert. Und weil Saibert auch hier nicht in die Falle tappt, Härte mit Gebrüll zu verwechseln. „Schmerz“ ist kein subtiler Schlusspunkt, aber ein effektiver. Die EP endet nicht versöhnlich, sondern weiterhin mit herrlich erdrückender Stimmung.
Was „Gestern war besser“ von vielen deutschsprachigen Rock-Veröffentlichungen unterscheidet, ist die Abwesenheit von Pose. IHR! klingen nicht wie eine Band, die dringend beweisen muss, dass sie „real“ ist. Sie klingen wie eine Band, die Songs schreiben kann. Das ist im Zweifel die seltenere Fähigkeit. Zwischen Seligs schwermütiger Wärme, Rio Reisers emotionaler Direktheit und einer Spur Echt’scher Zugänglichkeit findet die Düsseldorfer Formation eine eigene Nische: kantig genug für Rock, melodisch genug für Wiedererkennung, sauber genug produziert, um nicht nach Proberaumromantik zu riechen.
„Gestern war besser“ ist damit kein nostalgischer Schulterblick, sondern ein kontrollierter Abgleich mit dem, was hängen bleibt, wenn man das Gestern nicht mehr verklären kann. Drei Songs reichen IHR!, um zu zeigen, dass deutschsprachiger Rock auch 2026 nicht zwangsläufig nach Parole, Lederjacke und abgestandenem Bier klingen muss. Man darf nur nicht den Fehler machen, Gefühl mit Kitsch zu verwechseln. Genau diesen Fehler machen IHR! hier nicht.