Cover: IHR! - Paradigma
6/8

IHR! – Sechs Songs, volle Wirkung: „Paradigma“ als Rock-Ausrufezeichen zwischen Heavy und Indie

IHR! sind seit 2023 Düsseldorfs jüngere Rock-Ansage – und „Paradigma“ zeigt, warum das mehr ist als ein weiterer Eintrag im Regal des deutschsprachigen Pop-/ Rock. In der Band treffen sehr unterschiedliche Laufbahnen aufeinander: Frontmann Mars Saibert ist vielen aus der TV-Welt bekannt (u. a. „Unter uns“, dazu Filmauftritte wie „Zweiohrküken“) und brachte außerdem eine eigenständige Musikkarriere mit Chart-Erfolgen sowie die Teilnahme bei „The Voice of Germany“ (2017) mit. Gitarrist und Produzent Justus Großkreuz wirkt dabei wie die Schaltzentrale, die das Material bündelt und klanglich in Form gießt; außerhalb der Band ist er auch im Bereich Musik/Sounddesign für Produktionen kreditiert. Gitarrist Fabian Ratsak und Drummer Vladi Janevski sind außerdem aus anderen Düsseldorfer Bandkontexten bekannt: Beide tauchen bei Roomers auf, Ratsak wird zudem als aktiver Musiker bei MGP geführt und ist als Gitarrenlehrer/Workshop-Host präsent.

Das Entscheidende an „Paradigma“ ist die Konsequenz, mit der die EP ihre Stimmungen sortiert: Druck wird nicht pauschal hochgefahren, sondern dosiert eingesetzt, damit die Songs ihre eigenen Gewichte behalten. Saiberts Gesang wirkt dabei nicht wie „Frontmann über allem“, sondern wie eine bewusst gesetzte Erzählstimme – mal griffig in den Hooks, mal rauer und tiefer, wenn der Song die Schwere verlangt. Dass die Instrumente dabei nicht im Hintergrund verschwinden, ist ein Pluspunkt: Gerade der Bass bekommt (für deutschsprachigen Rock) ungewöhnlich viel Eigenleben und trägt Melodien mit, statt nur die Gitarren zu verdoppeln.

Lass Los“ startet kontrolliert und zugänglich, aber mit einer unterschwelligen Nervosität, die den Song spannender macht als reines Radiofutter: Das Stück arbeitet mit dem Gefühl, dass Grenzen längst überschritten sind und ein Schlussstrich weniger Befreiung als Selbstschutz ist. „Schmerz“ zieht danach den Raum nach unten: ein schwerer, gedrosselter Heavy-Rock-Block, der eher über Beharrlichkeit wirkt als über Tempo – als würde jeder Takt sagen: Das ist nicht vorbei, nur weil es vorbei sein soll. „Asche Zu Gold“ setzt darauf einen emotionaleren Konter, ohne Energie einzubüßen: Hier zählen Melodieführung und Refrain-Architektur, während der Text eher Beziehung als Zustand verhandelt. Und „Durststrecke“ erweitert das Spektrum mit mehr Groove und Beweglichkeit – ein Track, der Rock bleibt, aber rhythmisch offener denkt und die Band als Ensemble zeigt, nicht als Gitarren-vorn-alles-andere-hinten-Setup.

„Still“ ist dann der Moment, in dem die EP das Licht weiter dimmt und das Unausgesprochene zum eigentlichen Thema macht: weniger „Drama“, mehr Nachwirkung, getragen von Arrangement-Disziplin und der Entscheidung, Spannung nicht mit Lautstärke zu verwechseln. „Weit Weg“ schließt hymnischer, aber nicht als Fluchtfantasie, sondern als Richtungssuche mit klarer Kante. Im Gesamten wirkt „Paradigma“ wie eine kompakte Visitenkarte: ein Projekt, das seine unterschiedlichen Biografien nicht ausstellt, sondern in Songs übersetzt – und gerade dadurch Profil gewinnt, das sich durch fantastische Homogenität beweist.

Tracklist

01. Lass Los 03:48
02. Schmerz 04:22
03. Asche Zu Gold 06:25
04. Durststrecke 03:25
05. Still 03:58
06. Weit Weg 04:29