„DHL“: Jenny & Joy haben Post für hübsche Männer
Wer bei „DHL“ zuerst an gelbe Lieferwagen und Paketstationen denkt, liegt bei Jenny & Joy ziemlich daneben. Beim Stuttgarter Newcomerduo steht die Abkürzung für „Dummer Hübscher Lappen“. Gemeint sind Männer, die optisch erst einmal Punkte sammeln, sich den Rest aber noch verdienen müssen. Ein ziemlich konkretes Prinzip also: Hübsch sein ist nett, reicht allein jedoch nicht für die volle Punktzahl. Die beiden Schwestern greifen damit ein Thema auf, das gut zu ihrer bisherigen inhaltlichen Ausrichtung passt. In ihren Songs geht es um Liebe, Girlhood, Heartbreaks, Zweifel, Mut und jene Gedanken, die sich in den Zwanzigern gern ungefragt dazwischenschieben. „DHL“ nimmt daraus eine bewusst ironische Perspektive und verpackt sie schon im Titel in drei Buchstaben. Der kleine Abkürzungstrick funktioniert vor allem deshalb, weil die eigentliche Auflösung so herrlich wenig nach Paketdienst klingt. Hinter dem Witz steckt zugleich eine klare Haltung gegenüber Männern, bei denen Aussehen und tatsächliches Verhalten nicht unbedingt dieselbe Liga spielen. Jenny & Joy erzählen solche Situationen aus ihrer eigenen Perspektive, direkt und ohne sie unnötig hübsch zu verpacken. Das Duo muss für „DHL“ deshalb auch kein kompliziertes Beziehungsszenario konstruieren. Die Grundidee sitzt bereits im Namen: Wer nur gut aussieht, hat eben erst die erste Runde geschafft.
Jenny & Joy kommen aus Stuttgart und treten als Schwestern gemeinsam auf. Ihre Texte bewegen sich nah an Themen, die ihre aktuelle Lebensphase prägen. Beziehungen gehören dazu, ebenso Unsicherheit, Selbstzweifel und die kleinen bis größeren Katastrophen rund ums Dating. Statt diese Dinge aus sicherer Entfernung zu betrachten, erzählen die beiden aus einer jungen weiblichen Perspektive. Girlhood ist dabei kein loses Schlagwort, sondern Teil eines Themenfelds, in dem Freundschaft, Liebe, Trennung, Mut und die Suche nach dem eigenen Platz nebeneinander existieren. Bei „DHL“ wird daraus ein augenzwinkernder Männercheck. Die Bezeichnung „Dummer Hübscher Lappen“ klingt erst einmal nach einer Kategorie, die man vermutlich nicht auf seinem Datingprofil ergänzen möchte. Genau darin steckt der Humor des Songs. Ein attraktives Äußeres kann Interesse wecken, schützt aber nicht davor, sich anschließend als ziemliche Enttäuschung herauszustellen. Musikalisch arbeiten Jenny & Joy grundsätzlich mit eingängigen Melodien und Texten, die neben dem Mitsingen auch Raum für genaues Zuhören lassen. Ihre Stücke sind zugleich fürs Tanzen und Nachdenken gedacht. Gerade live spielt diese Mischung eine wichtige Rolle: Die Melodien schaffen schnelle Zugänge, während die Texte genügend konkrete Gedanken enthalten, um nicht bloß als Begleitung für den nächsten Refrain durchzulaufen. Für zwei Schwestern, die gemeinsam auf der Bühne stehen, entsteht zudem eine Dynamik, die nicht erst künstlich hergestellt werden muss. Sie teilen Perspektiven, ohne deshalb jede Erfahrung identisch erzählen zu müssen.
Als Newcomerinnen bewegen sich Jenny & Joy damit in einem Themenbereich, den viele junge Hörerinnen aus dem eigenen Alltag kennen dürften. Interessant ist weniger, dass über Liebe oder Heartbreak gesungen wird – das macht Pop schließlich ungefähr seit Erfindung des Liebeskummers –, sondern wie konkret die beiden ihre Beobachtungen benennen. „DHL“ ist dafür ein ziemlich handliches Beispiel. Drei Buchstaben reichen, um einen bestimmten Typ Mann zu beschreiben: gut aussehend, auf den ersten Blick interessant, beim näheren Hinsehen allerdings noch mit deutlichem Nachholbedarf. Statt daraus eine große Abrechnung zu machen, steckt bereits in „Dummer Hübscher Lappen“ genug Selbstironie, um die Sache nicht unnötig aufzublasen. Das passt zur direkten Art, mit der Jenny & Joy ihre Themen angehen. Neben Dating und Beziehungen gehören auch Zweifel und Mut zu ihrem Stoff, also jene Gegensätze, die in den Zwanzigern durchaus innerhalb desselben Nachmittags auftreten können. Dass die Schwestern ihre Songs zum Mitsingen und Tanzen anlegen, schließt ernstere Gedanken dabei nicht aus. Im Gegenteil: Eingängigkeit und genauer formulierte Texte können ziemlich gut nebeneinander funktionieren. „DHL“ nimmt innerhalb dieses Ansatzes die humorvollere Spur. Der Titel ist schnell verstanden, die beschriebene Männerkategorie vermutlich ebenfalls. Ob sich der eine oder andere Hörer darin wiedererkennt, bleibt seine Sache. Vorsichtshalber könnte man jedenfalls schon einmal prüfen, ob „DHL“ im Freundeskreis neuerdings wirklich noch ausschließlich für Pakete verwendet wird.