„Kein Wort davon ist wahr“ von Jürgen Renfordt
Jürgen Renfordt erzählt in „Kein Wort davon ist wahr“ von zwei Menschen, die ziemlich genau wissen, worauf ihre Begegnung hinauslaufen könnte. Genau deshalb wäre Abstand vermutlich die vernünftigste Lösung. Allein sollten sie besser nicht sein. Eine Grenze zu überschreiten, die sich später nicht mehr so einfach zurückziehen lässt, wäre ebenfalls keine besonders clevere Idee. Das Problem: Vernunft und tatsächliches Verhalten sind bekanntlich nicht immer das beste Team. Beide kennen ihre Gefühle füreinander und ebenso das Risiko, das darin steckt. Sie wissen, dass sie am Ende eigentlich nur verlieren können. Trotzdem bleibt diese Nähe bestehen. Der Song baut seinen Konflikt nicht um ein großes Geheimnis auf, sondern um das Gegenteil: Hier wissen beide Beteiligten ganz genau, was los ist. Sie versuchen lediglich, sich selbst und vermutlich auch dem Gegenüber einzureden, dass nichts passieren wird. Renfordts Figur gibt sich nach außen kontrolliert und spielt den kühlen Mann. Sein Herz hält sich allerdings nicht an diese Rollenverteilung. Es schlägt längst deutlich lauter, als es für die behauptete Gelassenheit praktisch wäre. Der Titel wird damit zum entscheidenden Satz der Geschichte. Was sich die beiden über Zurückhaltung, Kontrolle und ihre angeblich harmlosen Absichten erzählen, klingt vernünftig. Nur stimmt es eben nicht.
Gerade dieses Hin und Her zwischen Wissen und Handeln bestimmt „Kein Wort davon ist wahr“. Die beiden müssen nicht erst herausfinden, ob Anziehung vorhanden ist. Diese Frage ist längst beantwortet. Spannender ist, wie lange sie so tun können, als hätten sie die Situation im Griff. Jeder weitere gemeinsame Moment trägt die Möglichkeit in sich, dass aus Gedanken Tatsachen werden. Sie wollen nichts riskieren, kennen mögliche Konsequenzen und versuchen trotzdem nicht konsequent genug, sich aus dem Weg zu gehen. Daraus entsteht eine ziemlich menschliche Konstellation: Der Kopf hat die Lage analysiert, das Herz hat die Besprechung offenbar geschwänzt. Renfordt bleibt inhaltlich bei diesem konkreten Konflikt und erzählt von der gefährlichen Nähe zweier Menschen, die ihre eigenen Warnsignale durchaus hören. Gerade deshalb funktioniert die wiederkehrende Behauptung des Titels als Gegenstück zu allem, was tatsächlich zwischen ihnen passiert. „Kein Wort davon ist wahr“ entlarvt die vorgeschobene Selbstkontrolle, ohne dass dafür komplizierte Umwege nötig wären. Das Spiel zwischen Vernunft und Versuchung ergibt sich direkt aus der Situation. Einerseits gibt es klare Gründe, nichts zuzulassen. Andererseits reicht die gegenseitige Anziehung offenbar aus, um sämtliche guten Vorsätze zumindest bedenklich wackeln zu lassen. Was jederzeit geschehen könnte, bleibt als permanente Möglichkeit im Raum. Viel sicherer kann man sich einer schlechten Idee kaum bewusst sein – und trotzdem gefährlich nah an ihr bleiben.
Musikalisch bekommt diese Geschichte den nötigen Nachdruck durch kräftige Gitarren und eine eingängige Melodie. Die Gitarren geben dem Stück Druck und passen damit zur angespannten Situation zwischen den beiden Figuren. Gleichzeitig bleibt die Melodie schnell im Ohr. Statt den inneren Konflikt nur über den Text auszuspielen, erhält er so eine direkte musikalische Ebene: kontrollierte Gedanken auf der einen Seite, zunehmende Spannung auf der anderen. Das passt besonders gut zu einer Geschichte, in der niemand naiv in eine Situation hineinstolpert. Beide sehen das Risiko kommen. Beide kennen ihre eigenen Gefühle. Und beide wissen offenbar auch, dass der Satz „Wir machen nichts, was wir später bereuen“ leichter ausgesprochen als eingehalten ist. Genau darin liegt der Kern von Jürgen Renfordts Song. Es geht nicht um eine unverhoffte Begegnung oder darum, Gefühle erst langsam zu entdecken. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie viel Selbstbeherrschung übrig bleibt, wenn zwei Menschen längst wissen, dass sie einander besser nicht zu nahe kommen sollten. „Kein Wort davon ist wahr“ greift diesen Widerspruch ohne unnötige Nebenhandlung auf. Der Versuch, cool zu bleiben, trifft auf einen Herzschlag, der die Tarnung längst auffliegen lässt. Die Warnzeichen sind da, die Vernunft meldet sich ebenfalls – nur scheint beides gegen die gegenseitige Anziehung einen ziemlich schweren Stand zu haben. So wird aus einer eigentlich simplen Ausgangslage ein Song über genau jenen Moment, in dem zwei Menschen noch behaupten, alles unter Kontrolle zu haben, obwohl sie selbst längst wissen, wie wenig davon stimmt.