Emotionen sind bei Leon Wiesmann kein Konzept, sondern Ausgangspunkt für Musik. Der junge Singer-Songwriter aus Schaffhausen schreibt Popsongs, die direkt aus erlebten Situationen entstehen – ehrlich, verletzlich und gleichzeitig erstaunlich tanzbar. Mit seiner Debüt-EP ARCHIV3 zeigt er auf drei Tracks, wie moderner deutschsprachiger Pop klingen kann, wenn Tagebuchgedanken zu Lyrics werden. Seine Texte sind poetisch, bleiben aber konkret genug, um sofort Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Und dann ist da diese Stimme: mal zerbrechlich, mal trotzig, manchmal fast flehend – eine Stimme, die Emotionen nicht nur beschreibt, sondern hörbar macht.
Der Auftakt der EP, der Song „Spätsommer“, entstand während eines Aufenthalts in Berlin. Ein kleines Zimmer, drückende Hitze und viel Zeit zum Nachdenken – genau aus dieser Stimmung heraus entwickelte sich der Song. Während draußen eine Stadt voller Möglichkeiten wartet, sitzt der Schweizer allein in einer Wohnung und denkt über eine Beziehung nach, die in der Heimat langsam zerbricht. Aus diesem Gefühl zwischen Einsamkeit, Nostalgie und Hoffnung entsteht ein Popsong, der mitten aus dem Leben erzählt. Wiesmann notiert solche Gedanken zunächst wie in einem Tagebuch, bevor sie zu Songtexten werden. In „Spätsommer“ trägt seine Stimme diese Worte durch verschiedene Emotionen: sie bricht ins Falsett, wirkt verletzlich, findet schließlich aber auch Kraft. Am Ende treibt ein Beat den Song nach vorne – als würde er sich aus seinen eigenen Zweifeln herausziehen.
Auch die anderen Stücke der EP greifen persönliche Geschichten auf. In „poly“ beschreibt Wiesmann das emotionale Chaos, das entstehen kann, wenn Liebe frei gedacht wird – und man selbst merkt, dass diese Freiheit nicht unbedingt mit den eigenen Gefühlen übereinstimmt. Der Song erzählt von Unsicherheit, Sehnsucht und der Frage, ob man für einen anderen Menschen wirklich genug ist. Den Abschluss bildet „Baby“, ein Track über das Ende einer Beziehung. Statt schwerer Trennungsballade setzt Wiesmann hier auf einen kraftvolleren Beat und eine fast aufmunternde Melodie. Die Erkenntnis: Manchmal lohnt es sich nicht, weiterzukämpfen – trotzdem bleiben Erinnerungen. Genau dieser Mix aus Ehrlichkeit und musikalischer Leichtigkeit macht den Sound von Leon Wiesmann so besonders. Wer Künstler wie Edwin Rosen oder Zartmann mag, dürfte in ihm eine neue Stimme entdecken, die deutschsprachigen Pop gerade um eine sehr persönliche Perspektive erweitert.