Cover: LILITH - Bus fahren
7/8
mix1 Bewertung

„BUS FAHREN“: LILITH zwischen Angst und Selbstbestimmung

Mit „28“ erreichte LILITH bereits mehr als 230.000 Streams. Bei „BUS FAHREN“ wird die Perspektive nun unangenehm konkret: sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, Victim Blaming und jene permanente Wachsamkeit, die für viele Frauen zum Alltag gehört. Der Titel klingt zunächst nach einer denkbar gewöhnlichen Tätigkeit. Genau darin liegt der entscheidende Punkt. Bus fahren, unterwegs sein, nach Hause kommen – Dinge, über die eigentlich niemand groß nachdenken müsste. Für Frauen können daraus Situationen werden, in denen Umgebung, Mitfahrende und mögliche Fluchtwege ständig mitregistriert werden. LILITH macht diese Realität zum Gegenstand ihres Urban-/Deutschpop-Songs, ohne das Thema in eine abstrakte Debatte zu verschieben. Es geht um Angst in einem öffentlichen Raum, der für alle da sein sollte, sich aber nicht für alle gleich sicher anfühlt. Hinzu kommt die nächste Ebene: Victim Blaming. Also jene Schuldumkehr, bei der nach einem Übergriff plötzlich Kleidung, Verhalten, Uhrzeit oder Aufenthaltsort der betroffenen Person diskutiert werden. Damit verschiebt sich die Verantwortung ausgerechnet zu denen, die belästigt wurden. „BUS FAHREN“ hält dagegen und macht aus der alltäglichen Situation eine Frage nach Sicherheit und Selbstbestimmung.

Interessant ist dabei der Wechsel zwischen bitterer Realität und einer Lamborghini-Fluchtfantasie. Statt die Bedrohung ausschließlich zu beschreiben, entwirft LILITH gedanklich einen Gegenraum. Der Lamborghini funktioniert in diesem Zusammenhang nicht bloß als klassisches Statussymbol. Er gehört zur Vorstellung, einer Situation entkommen zu können, in der Bewegungsfreiheit plötzlich mit Vorsicht, Unsicherheit und ständigem Abwägen verbunden ist. Dass dafür ausgerechnet ein Lamborghini herhalten muss, hat fast etwas trotzig Überdimensioniertes: Wenn der Bus zum Ort permanenter Wachsamkeit wird, darf die Fluchtfantasie offenbar gern ein paar hundert PS haben. Der Kern bleibt allerdings ernst. Angst wird im Song nicht als persönliches Problem behandelt, das Betroffene eben irgendwie in den Griff bekommen müssten. LILITH verschiebt den Fokus auf die Bedingungen, aus denen diese Angst entsteht. Aus ihr entwickelt sich Wut, aus der Wut wiederum eine klare Haltung. Selbstbestimmung bedeutet hier auch, die übliche Schuldverteilung nicht zu akzeptieren. Das ist gerade beim Thema Victim Blaming entscheidend. Die Frage lautet nicht, was Frauen anders machen müssten, um Belästigung zu vermeiden. „BUS FAHREN“ lenkt die Aufmerksamkeit dorthin, wo sie hingehört: auf übergriffiges Verhalten und eine Realität, in der Vorsichtsmaßnahmen für viele längst selbstverständlich geworden sind.

Im Vergleich zum bereits stark gestreamten „28“ bleibt LILITH damit bei einer direkten Form des Schreibens, wählt diesmal aber ein gesellschaftliches Thema mit sehr konkretem Alltagsbezug. „BUS FAHREN“ beschreibt keine außergewöhnliche Extremsituation an einem fernen Ort. Gerade das macht den Gegenstand relevant. Öffentliche Verkehrsmittel gehören zum täglichen Leben, ebenso Wege durch die Stadt und Situationen, in denen Menschen zwangsläufig Fremden begegnen. Wenn daraus für einen Teil der Bevölkerung ein permanenter Sicherheitscheck wird, steckt das Problem nicht im Busfahrplan. LILITH arbeitet sich an der Normalisierung solcher Erfahrungen ab und verweigert zugleich die Rolle des passiven Opfers. Die Bewegung des Songs führt von Angst über Wut zur Selbstbestimmung. Das bedeutet nicht, die ursprüngliche Bedrohung kleinzureden. Im Gegenteil: Erst ihre klare Benennung ermöglicht es, auch die Mechanismen dahinter anzusprechen. „BUS FAHREN“ behandelt sexuelle Belästigung deshalb zusammen mit der gesellschaftlichen Reaktion darauf. Wer trägt Verantwortung? Wer muss sein Verhalten erklären? Und warum werden von Frauen so oft Strategien erwartet, um Situationen zu vermeiden, die andere überhaupt erst verursachen? Zwischen öffentlichem Nahverkehr und Lamborghini steckt damit weit mehr als ein ziemlich deutlicher Unterschied bei der Motorisierung. Es geht um die Freiheit, sich bewegen zu können, ohne dabei ständig überlegen zu müssen, wie man notfalls wieder wegkommt.

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