Cover: Luci Trio - Rote Spritzer
6/8
mix1 Bewertung
Album

Rote Spritzer

Luci Trio

Label: Gehdanke Records
Kategorie: Pop | Alternativ
Veröffentlichung: 24.04.2026

"Rote Spritzer": Album zwischen Genres

Mit „Rote Spritzer“ schiebt das Luci Trio das Wienerlied einmal kräftig vom Stammtisch runter und stellt es irgendwo zwischen verrauchte Kellerbar und Indie-Playlist wieder auf. Was dabei rauskommt, ist kein nostalgischer Blick zurück, sondern eher ein leicht schräger Trip durch ein Wien, das gleichzeitig ziemlich echt und komplett entrückt wirkt. Statt klassischer Melancholie gibt’s hier Lo-fi-Vibes, Blues-Anleihen, ein bisschen Alt-Folk und immer wieder Jazz-Splitter, die sich wie zufällige Gedanken in den Sound reinschieben. Das Ganze klingt, als hätte jemand das Wienerlied einmal durch einen kaputten Kassettenrekorder gejagt – aber mit Absicht.

Inhaltlich funktioniert „Rote Spritzer“ wie eine lose zusammengehaltene Sammlung von Momentaufnahmen. Zwölf Szenen, die sich nicht unbedingt linear erzählen lassen, sondern eher wie Erinnerungsfetzen auftauchen. Irgendwo zwischen Baumarkt, Supermarkt und dem Gefühl, dass alles jederzeit kippen könnte. Die Figuren stolpern durch ihren Alltag, trinken, lieben, scheitern und machen trotzdem weiter. Dabei bleibt der Ton immer so halb zwischen trockenem Humor und leiser Tragik hängen. Man erkennt vieles wieder, auch wenn es manchmal ins leicht Surreale abrutscht. Genau das macht den Reiz aus: Dieses ständige Pendeln zwischen „kenn ich“ und „was war das gerade?“ sorgt dafür, dass man dranbleibt, auch wenn’s unbequem wird.

Musikalisch hält sich das Trio bewusst zurück – zumindest auf den ersten Blick. Kontrabass, Gitarren, Klarinette, dazu ein paar verwaschene elektronische Schichten. Klingt minimalistisch, entfaltet aber mit der Zeit eine ziemliche Tiefe. Da eiert ein Echo durch den Raum, dort stolpert eine Melodie leicht aus dem Takt, dann wieder wird alles ganz ruhig, bevor es sich neu sortiert. Diese kleinen Brüche ziehen sich durch das ganze Album und geben ihm Charakter. Es ist kein Sound, der sich sofort anbiedert, eher einer, der sich langsam reinschleicht. Veröffentlicht wird das Ganze über Gehdanke Records, was ganz gut passt – wirkt nämlich wie ein Projekt, das genau dort hingehört: ein bisschen abseits, aber mit klarer Haltung. „Rote Spritzer“ ist damit weniger ein klassisches Album als ein eigenwilliger Soundtrack für schräge Alltagsgeschichten – und genau deshalb spannend.

Video

Tracklist

01 In den Flächenbezirken
02 Rote Spritzer
03 Drüben
04 Billa plus
05 Karin, Karim & Carmen (Ein Heimatlied für den Rennbahnweg)
06 Westbahn
07 Substral
08 Schnee (Ain’t over till the fat ladies sing)
09 Affen & Libellen
10 Wien-energie
11 Halbmond
12 Geschichte aus dem Wienerwald (Drei Amseln)