Mit seinem ersten Album „Ganz nah“ liefert Marlon eine musikalische Zeitreise ab, die sich bewusst gegen schnelle Trends und austauschbare Popsounds stellt. Der Musiker aus dem niederländischen Venlo verbindet auf den zwölf Songs Schlager, Chanson, Swing, Pop und sogar leichte Big-Band-Elemente zu einem Stil, der sofort Erinnerungen an vergangene Musikzeiten weckt. Dabei wirkt das Album nie altmodisch, sondern eher wie ein liebevoll restaurierter Oldtimer: klassisch, charmant und mit erstaunlich viel Charakter. Besonders spannend ist, dass Marlon sein Debütalbum erst jetzt veröffentlicht. Während andere Künstler mit Anfang zwanzig ihre ersten Singles aufnehmen, startet er mit 57 Jahren in sein eigenes musikalisches Kapitel – und genau das verleiht den Songs eine besondere Reife und Glaubwürdigkeit.
Musikalisch spürt man schnell, welche Künstler Marlon geprägt haben. Vor allem die Einflüsse von Udo Jürgens sind deutlich hörbar. Kein Wunder, denn mit Rainer Thielmann arbeitete ein Textdichter am Album mit, der bereits mehrere Songs für Udo schrieb. Gleichzeitig schimmern auch Elemente von André Rieu oder James Last durch die Arrangements. Gerade Balladen wie „Frei und mit dir“, „Die Liebe wandert“ oder der Titelsong „Ganz nah“ erzeugen dieses warme Gefühl, das an große Samstagabendshows und elegante Musikrevuen erinnert. Marlon hat keine Angst vor großen Emotionen oder nostalgischen Bildern. Statt cooler Distanz gibt es hier ehrliche Gefühle, starke Melodien und Texte, die sich Zeit nehmen. Genau das macht das Album angenehm anders. Während viele Songs heute nach zehn Sekunden direkt den nächsten TikTok-Moment suchen, setzt Marlon lieber auf Atmosphäre, Musikalität und echte Geschichten. Und ja, manchmal fühlt sich das tatsächlich an wie ein musikalischer Kurzurlaub irgendwo zwischen Röhrenfernseher, Konzertsaal und Rotweinglas.
Auch die erste Single „Alles gut“ zeigt, dass Marlon nicht ausschließlich auf schwere Balladen setzt. Der Song kommt locker, charmant und mit einem kleinen Augenzwinkern daher. Insgesamt zieht sich durch das komplette Album eine Leichtigkeit, die trotz aller Nostalgie nie verstaubt wirkt. Marlon bleibt dabei komplett bei sich und versucht gar nicht erst, modernen Trends hinterherzulaufen. Genau das macht „Ganz nah“ interessant. Statt künstlicher Effekte stehen hier starke Arrangements, musikalisches Können und viel Leidenschaft im Mittelpunkt. Für Fans von klassischen Melodien, großen Gefühlen und handgemachter Musik dürfte dieses Debütalbum deshalb eine echte Überraschung sein. Und die wohl größte davon bleibt: Dass ein Künstler mit so viel musikalischer Erfahrung tatsächlich erst jetzt sein erstes Album veröffentlicht.