Marshmello holt Cameron Whitcomb für „Hollow“
Marshmello sucht sich für „Hollow“ einen Partner, der nicht gerade aus der üblichen EDM-Nachbarschaft kommt. Gemeinsam mit Cameron Whitcomb bringt der US-Produzent einen kanadischen Singer-Songwriter ins Spiel, dessen bisheriger Weg vor allem durch Folk, Country und Alternative geprägt ist. Genau diese Kombination macht die Zusammenarbeit interessant: Hier treffen nicht einfach zwei bekannte Namen für eine gemeinsame Single aufeinander, sondern Musiker mit ziemlich unterschiedlichen Ausgangspunkten. Marshmello gehört seit Jahren zu den international erfolgreichen Produzenten der elektronischen Musik. Gleichzeitig hat er seine Diskografie nie sauber innerhalb dieses Genres eingezäunt. Kollaborationen mit Khalid, Bastille, Halsey oder den Jonas Brothers führten ihn regelmäßig in Richtung Pop, während die Zusammenarbeit mit Country-Sänger Kane Brown bereits gezeigt hat, dass auch Nashville in Marshmellos musikalischem Adressbuch auftaucht. Cameron Whitcomb kommt nun aus einer Ecke, die noch stärker von klassischem Songwriting und einer rauen Gesangsstimme geprägt ist. „Hollow“ führt diese beiden Laufbahnen erstmals zusammen. Statt einen weiteren EDM-Act neben Marshmello zu platzieren, bekommt der Track damit eine Stimme, die schon aufgrund ihrer Herkunft aus einem anderen musikalischen Umfeld auffällt.
Whitcomb stammt aus British Columbia und wurde einem größeren Publikum zunächst durch seine Teilnahme an „American Idol“ bekannt. Die TV-Show war allerdings nur der Einstieg. Danach begann der Kanadier, mit eigenem Material ein Profil unabhängig vom Castingformat aufzubauen. Songs wie „Quitter“ und „Medusa“ brachten ihm auch außerhalb seiner Heimat Aufmerksamkeit und ließen erkennen, wohin es musikalisch gehen sollte: Folk- und Country-Einflüsse treffen bei ihm auf Alternative, während seine Stimme einen hohen Wiedererkennungswert besitzt. Glattpolierter Popgesang ist hier jedenfalls nicht die Ausgangslage. Whitcombs raues Timbre gehört zu den Merkmalen, über die sich seine bisherigen Songs unmittelbar identifizieren lassen. Dazu kommt persönliches Songwriting, das ihm nach seinem Fernsehauftritt eine stetig wachsende Hörerschaft eingebracht hat. Für eine Produktion von Marshmello ist das eine interessante Besetzung, gerade weil Whitcomb nicht aus der elektronischen Szene stammt und auch nicht erst passend für eine Dance-Kollaboration erfunden werden muss. Er bringt eine bereits klar erkennbare musikalische Herkunft mit. Das unterscheidet „Hollow“ von einer Konstellation, bei der Produzent und Feature-Gast ohnehin im selben Genre unterwegs sind. Gleichzeitig passt die Entscheidung zu Marshmellos bisheriger Arbeitsweise. Der Mann mit dem weißen Helm hat in der Vergangenheit oft Sängerinnen und Sänger gewählt, deren eigene Diskografien wenig mit klassischer Clubmusik zu tun haben. Die Liste reicht von Alternative-Pop über Mainstream-Pop bis Country. Genregrenzen scheinen in seinem Studio also eher Orientierungsschilder zu sein als Absperrband.
Bei „Hollow“ liegt der Reiz deshalb vor allem in der konkreten Paarung. Auf der einen Seite steht ein Produzent, dessen Karriere eng mit elektronischer Musik verknüpft ist und der gleichzeitig seit Jahren Kollaborationen außerhalb dieser Szene sucht. Auf der anderen Seite kommt ein Singer-Songwriter, der nach „American Idol“ nicht beim Etikett Castingkandidat hängen geblieben ist, sondern mit eigenen Veröffentlichungen international Hörer erreicht hat. Whitcombs bisherige Songs „Quitter“ und „Medusa“ sind dabei wichtige Stationen, weil sie seinen Namen unabhängig von der Fernsehvergangenheit etabliert haben. Für Marshmello wiederum reiht sich die Zusammenarbeit mit dem Kanadier in eine lange Folge ungewöhnlicher Partner ein. Khalid, Bastille, Halsey, Jonas Brothers und Kane Brown decken bereits ein ziemlich breites Feld ab; Whitcomb bringt nun Folk-, Country- und Alternative-Wurzeln in diese Reihe. „Hollow“ lebt damit schon auf dem Papier von einem deutlichen Kontrast, ohne dass dafür eine künstliche Genregeschichte konstruiert werden müsste. Beide Musiker kommen schlicht aus verschiedenen Bereichen und arbeiten nun an einem gemeinsamen Song. Das klingt zunächst nach einer simplen Feststellung, ist bei Kollaborationen aber längst nicht selbstverständlich. Gerade in einer Zeit, in der Features gern nach Streaming-Kompatibilität aussehen, wirkt die Auswahl von Whitcomb zumindest weniger offensichtlich. Marshmello bleibt seiner bisherigen Offenheit gegenüber anderen Genres treu, während Whitcomb mit der Zusammenarbeit ein Umfeld betritt, das deutlich von seinen bisherigen Folk-, Country- und Alternative-Veröffentlichungen entfernt liegt. Zwei ziemlich unterschiedliche Lebensläufe, ein gemeinsamer Track – und diesmal muss man für den Genre-Kontrast wirklich nicht lange im Kleingedruckten suchen.