Cover: Mastodon - Marrow Deep
7/8
mix1 Bewertung

„Marrow Deep“: Mastodon über Verlust und Nähe

Bei Mastodon war Schwere noch nie bloß eine Frage von Lautstärke, tief gestimmten Gitarren oder massiven Riffs. Auf „Marrow Deep“ bekommt der Begriff allerdings eine sehr konkrete Bedeutung. Die Grammy-Gewinner beschäftigen sich auf 13 Songs mit tiefer Trauer und der Frage, welchen Einfluss Menschen auf unser Leben behalten, wenn die gemeinsame Zeit längst vorbei ist. Das Thema sitzt entsprechend tief. Statt Verlust lediglich als abgeschlossene Erfahrung zu behandeln, kreist das Album um Spuren, die Beziehungen hinterlassen und die sich nicht einfach mit einem letzten Abschied erledigen. Erinnerungen, Entscheidungen und persönliche Prägungen wirken weiter. Genau aus diesem Gedanken entwickelt sich der inhaltliche Kern der Platte. Mastodon machen daraus kein kleines Randmotiv, sondern die Grundlage eines kompletten Albums. „Marrow Deep“ beschäftigt sich damit, was von Menschen bleibt, die einem nahestanden – und wie deren Einfluss weit über die tatsächlich miteinander verbrachte Zeit hinausreichen kann. Das klingt zunächst ziemlich düster. Ist es auch. Gleichzeitig beschreibt die Band das Werk gleichermaßen als erdrückend und befreiend. Ein Widerspruch, der bei einem Album über Trauer ziemlich plausibel wirkt: Verlust kann Gewicht haben, die Beschäftigung damit aber ebenso Bewegung ermöglichen.

Musikalisch führt „Marrow Deep“ Mastodon laut den vorliegenden Informationen in neue klangliche Tiefen, ohne jene Eigenschaften aufzugeben, durch die sich die Band innerhalb der Heavy-Music über Jahre eine eigene Position erarbeitet hat. Gerade dieser Punkt ist interessant, weil Mastodon hier nicht als Formation beschrieben werden, die für ein persönliches Thema plötzlich ihre musikalische Identität austauscht. Die neuen Stücke bleiben vielmehr Teil einer Entwicklung, die nach vorn blickt. Konkrete Angaben zu Instrumentierung, Produktion, Studio oder beteiligten Gastmusikern liegen allerdings nicht vor; deshalb wäre es ziemlich unseriös, irgendwelche Gitarrensounds, Aufnahmeverfahren oder Studiotricks herbeizuschreiben. Fest steht dagegen der Umfang: 13 Songs bilden den Rahmen für ein Werk, dessen inhaltliche Linie ungewöhnlich klar umrissen ist. Trauer dient nicht als dekorative Schwermut für die nächste schwere Platte, sondern als Ausgangspunkt für Gedanken über Nähe, Erinnerung und langfristige Prägung. Das verschiebt auch den Blick auf den Albumtitel. „Marrow Deep“ deutet bereits sprachlich auf etwas hin, das bis ins Innerste reicht. Mehr Interpretation braucht es an dieser Stelle gar nicht, denn die Beschreibung des Albums führt genau dorthin: zu Erfahrungen, deren Folgen nicht an einen bestimmten Zeitraum gebunden bleiben. Für eine Band, deren Musik ohnehin mit Gewicht und komplexeren Strukturen verbunden wird, ist das ein passender Rahmen – ohne dass daraus gleich ein philosophischer Vorschlaghammer werden muss.

Am Ende läuft „Marrow Deep“ jedoch nicht ausschließlich auf Verlust hinaus. Widerstandskraft und Solidarität gehören ausdrücklich zum Fundament des Albums. Dadurch bekommt die Auseinandersetzung mit Trauer eine zweite Ebene. Entscheidend ist nicht nur, dass Menschen fehlen, sondern ebenso, was sie hinterlassen und wie andere mit diesem Erbe weiterleben. Der Begriff Vermächtnis passt deshalb zu den 13 Songs besonders gut. Gemeint ist weniger ein feierlicher Rückblick als die fortdauernde Wirkung persönlicher Beziehungen. Für Mastodon ist das ein Stoff, der weit über eine einzelne Geschichte hinausreicht und dennoch klar umrissen bleibt. Die Band behandelt den Einfluss nahestehender Menschen als etwas, das Zeit überdauern kann – in Erinnerungen, Haltungen und dem Umgang miteinander. So entsteht ein Album, dessen Schwere einen konkreten Ursprung besitzt. Kein nebulöses Dunkel, keine Trauer als hübsch verpackte Genre-Zutat. „Marrow Deep“ beschäftigt sich mit Verlust, ohne dort stehenzubleiben. Dass ausgerechnet Widerstandskraft und Solidarität am Ende als zentrale Gedanken übrig bleiben, verhindert den reinen Blick nach unten. Mastodon gehen tief, ja. Nur graben sie dort nicht ausschließlich nach Schmerz. Sie suchen ebenso nach dem, was Menschen einander mitgeben können und was selbst dann noch vorhanden ist, wenn gemeinsame Zeit nicht mehr verlängert werden kann. Bei aller Schwere steckt darin ein erstaunlich nüchterner Gedanke: Manche Verbindungen enden zeitlich, ihre Folgen tun es nicht.
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Tracklist

01 Barbarians Blood
02 Poisonous Weapons
03 Your Ghost Again
04 Snakes for Dinner
05 Out Like a Lamb
06 In the Ruins
07 They're Coming For You
08 Golden Spires
09 Moth and Bone
10 A Vampire's Demeanor
11 The Vanishing
12 The Three Fates

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