Bis zum neuen Matthias-Reim-Album „
Flashback“ dauert es nicht mehr allzu lange. Vorher gibt es mit „Aus meinem Kopf“ einen weiteren Song daraus zu hören – und der beschäftigt sich mit einem ziemlich hartnäckigen Problem: Eine Beziehung ist vorbei, die andere Person hat das offenbar akzeptiert, nur der eigene Kopf hält sich nicht an diese eigentlich recht eindeutige Sachlage. Oder genauer gesagt: Das Herz funkt ständig dazwischen. Matthias Reim erzählt von einer Liebe, die längst Vergangenheit sein sollte, gedanklich aber weiterhin erstaunlich viel Platz beansprucht. Die Ausgangslage ist klar verteilt. Auf der anderen Seite wurde das gemeinsame Kapitel bereits geschlossen, Frieden mit dem Ende inklusive. Bei ihm selbst sieht die Sache anders aus. Loslassen wäre vernünftig, funktioniert nur leider nicht auf Knopfdruck. Genau an diesem Widerspruch hängt „Aus meinem Kopf“: Die Realität sagt Ende, Hoffnung und Erinnerung diskutieren munter weiter. Das Thema gehört seit Langem zu Reims musikalischem Terrain. Schon „Verdammt, ich lieb' Dich“ lebte von einer Beziehungssituation, in der Vernunft und Gefühle nicht gerade als eingespieltes Team auftreten. Der neue Song greift diesen Konflikt erneut auf, ohne dieselbe Geschichte einfach noch einmal zu erzählen.
Interessant ist vor allem die Perspektive. Hier geht es nicht um zwei Menschen, die gleichermaßen an einer vergangenen Beziehung festhalten. Einer hat abgeschlossen, der andere eben nicht. Dadurch bekommt die Geschichte eine unangenehm klare Schieflage. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich die Situation noch drehen könnte, trotzdem weigert sich das eigene Innenleben, die Akte zu schließen. Wer schon einmal nachts eine längst erledigte Unterhaltung im Kopf zum ungefähr 47. Mal neu geführt hat, dürfte das Prinzip kennen. Reim beschreibt diesen Zustand ohne große Umwege. Festhalten, obwohl Loslassen längst angebracht wäre. Hoffnung, obwohl die Fakten wenig Anlass dazu geben. Dazu kommt die Erkenntnis, dass man einen Menschen eben nicht automatisch aus den Gedanken bekommt, nur weil eine Beziehung offiziell beendet wurde. Gerade diese konkrete Konstellation macht „Aus meinem Kopf“ nachvollziehbar, ohne dass dafür eine komplizierte Handlung nötig wäre. Der Song bleibt bei einem einzelnen Konflikt und zieht daraus seine Spannung. Das passt zu Matthias Reims Art, Beziehungsgeschichten in direkter Sprache zu erzählen. Seine Texte brauchen häufig keine langen Anläufe, weil das Problem schnell auf dem Tisch liegt. Hier lautet es schlicht: Du bist fertig mit uns. Ich offensichtlich noch nicht. Viel nüchterner lässt sich Liebeskummer kaum zusammenfassen – und vermutlich liegt genau darin der Grund, warum solche Geschichten im Schlager über Jahrzehnte funktionieren.
„Aus meinem Kopf“ ist zugleich ein weiterer Vorbote für „Flashback“. Der Albumtitel bekommt angesichts dieses Songs fast zwangsläufig einen passenden Kontext: Erinnerungen verschwinden schließlich selten dann, wenn man sie höflich darum bittet. Inhaltlich führt der neue Titel jedenfalls tief in ein Thema, das Matthias Reims Karriere seit vielen Jahren begleitet. Liebe wird bei ihm nicht ausschließlich aus der Perspektive des glücklichen Anfangs erzählt. Häufig interessanter sind die Stellen, an denen Beziehungen kippen, Entscheidungen gefallen sind und einer der Beteiligten trotzdem noch nicht hinterherkommt. Genau dort befindet sich die Figur in „Aus meinem Kopf“. Sie weiß offenbar, wie die Lage aussieht, kann dieses Wissen aber nicht in einen sauberen Schlussstrich übersetzen. Das ist weniger romantische Verklärung als ein ziemlich alltäglicher Widerspruch zwischen Erkenntnis und Verhalten. Gleichzeitig entsteht dadurch eine Verbindung zu Reims bekanntestem Song, ohne dass „Aus meinem Kopf“ bloß auf Nostalgie angewiesen wäre. „Verdammt, ich lieb' Dich“ erzählte ebenfalls von Gefühlen, die sich nicht vernünftig sortieren lassen; Jahrzehnte später beschäftigt Reim diese Reibung weiterhin. Für das kommende Album ist der Song damit ein inhaltlich schlüssiger Vorbote. Statt vorab möglichst viel über das gesamte Album zu behaupten, lässt sich zunächst etwas Konkretes festhalten: Matthias Reim bleibt bei Geschichten, in denen Beziehungen nicht sauber enden, nur weil es auf dem Papier so vorgesehen ist. Der Kopf kennt die Fakten. Das Herz hat offenbar die Mail nicht gelesen.