„Seele tätowiert“: Max Weidner denkt Schlager anders
„Und plötzlich war alles anders. Ich lern mich selber neu kennen.“ Mit diesen Zeilen beginnt „Seele tätowiert“ – und sie passen ziemlich gut zu dem, was sich bei Max Weidner gerade musikalisch abspielt. Der Sänger arbeitet hier mit Pop, Dance und Schlager, lässt die Nummer aber vor allem über ein starkes Textmotiv funktionieren: Eine vergangene oder unerreichbare Liebe hinterlässt Spuren wie ein Tattoo. Sie bleibt, obwohl der Mensch möglicherweise längst gegangen ist. Im Refrain wird dieses Bild konkret: „Du hast meine Seele tätowiert mit deinen blauen Augen.“ Kurz darauf ist von Narben unter der Haut die Rede. Der Text zieht die Tattoo-Idee konsequent weiter. Versteckte Farben werden sichtbar, Lücken gefüllt, alte Tätowierungen hervorgeholt und neue Bilder gemalt. Schließlich verschmelzen Linien und Tinte, Stich für Stich. Damit bekommt die Liebesgeschichte ein klares Vokabular, das eng mit dem Sänger selbst verknüpft ist. Denn Tattoos gehören bei Weidner nicht bloß zum Styling für ein Fotoshooting. Der 31-Jährige trägt seine Leidenschaft für das Genre sogar ziemlich unmissverständlich unter der Haut: „SEX DRUGS SCHLAGER“ lautet eines seiner Tattoos. Wer bei dieser Kombination kurz die Augenbraue hebt, hat den gewünschten Effekt vermutlich schon verstanden.
Geschrieben und produziert wurde „Seele tätowiert“ von Max Weidner gemeinsam mit Petra Bonmassar und Simeon Holzer. Beide bringen Erfahrungen aus unterschiedlichen musikalischen Ecken mit. Bonmassar schrieb bereits für Andrea Berg, DJ BoBo und Sonia Liebing, Holzer arbeitete unter anderem mit DJ Antoine und Sido. Diese Mischung passt zur musikalischen Ausrichtung des Titels. Schlager bleibt die Basis, Pop und Dance rücken deutlich dazu. Weidner will sich damit hörbar von einem allzu glatt gezogenen Genre-Schema entfernen. Der Wandel betrifft allerdings nicht nur die Musik. Auch visuell wird das Tattoo-Motiv konsequent weitergeführt. Im Musikvideo zeigt der Sänger seinen tätowierten Körper, wobei die Motive auf seiner Haut als zusätzliche Erzählebene zur Geschichte des Songs gedacht sind. Was der Text sinnbildlich auf die Seele schreibt, ist bei ihm tatsächlich sichtbar. Das ist zumindest deutlich enger mit Person und Songthema verzahnt als das übliche Video-Rezept aus Sonnenuntergang, Cabrio und bedeutungsvollem Blick in die Ferne. Weidners neuer Kurs kommt zudem nicht aus dem luftleeren Raum. Als ausgebildeter TV-Moderator der Akademie der Musik- und Medienbranche verfügt er über Erfahrung vor der Kamera, moderiert ein eigenes Live-Format und ist seit Jahren auf Bühnen unterwegs. Diese Entertainer-Seite gehört also schon länger zu seiner Arbeit. Neu ist vor allem, wie konsequent Musik, Optik und Persönlichkeit bei „Seele tätowiert“ zusammengeführt werden.
Die öffentliche Feuertaufe bekommt der Titel kurz nach seiner Veröffentlichung im „ZDF-Fernsehgarten“, wo Max Weidner den Song erstmals im Fernsehen singt. Für ihn ist das zugleich die Gelegenheit, die veränderte musikalische und visuelle Ausrichtung einem größeren Publikum vorzustellen. Dass ausgerechnet „Seele tätowiert“ dafür gewählt wurde, ergibt Sinn. Der Song enthält viele Elemente, mit denen Weidner seinen weiteren Weg beschreibt: mehr Pop und Dance, eine deutlich kantigere Optik und Texte, deren Bildsprache unmittelbar zu seiner Person passt. Dabei verabschiedet er sich keineswegs vom Schlager. Im Gegenteil. Weidner bezeichnet sich selbst als „hoffnungslos schlagerinfiziert“, nur interessiert ihn offenbar weniger, welche Kleidung, Optik oder Klangfarbe traditionell mit dem Genre verbunden werden. Seine Tattoos versteckt er nicht, seine direkte Art ebenfalls nicht. Provokation gehört dazu, soll aber nicht zum Selbstzweck werden. Bei „Seele tätowiert“ funktioniert sie vor allem deshalb, weil das Tattoo-Thema nicht nachträglich über den Song gestülpt wurde. Es steckt bereits in der Geschichte, im Refrain und in zahlreichen Bildern des Textes. Das macht die Nummer zu einem ziemlich passenden Ausgangspunkt für Weidners neue musikalische Phase. Die Zeile „Du hast die Farben in mir geweckt. Hab sie lang versteckt“ lässt sich deshalb doppelt lesen: innerhalb der Liebesgeschichte und mit Blick auf den Sänger, der gerade andere Seiten seiner Arbeit sichtbar macht. Manchmal liegt die passende Beschreibung für einen Kurswechsel eben schon im eigenen Songtext.
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