Nach dem Gitarrengewitter von „
Rattle The Cage“ mit John 5 wechseln Nickelback für „Leave Me Behind“ die Perspektive. Der dritte Vorbote des kommenden Studioalbums „Everything Under The Sun“ beschäftigt sich nicht mit Arena-Gesten, sondern mit einer ziemlich komplizierten Form von Loyalität: Jemand versucht, einem nahestehenden Menschen durch dessen dunkelste Phase zu helfen, möchte auf diesem Weg aber selbst nicht zurückgelassen werden. Zwei kurze Textzeilen bringen diesen Widerspruch zusammen. „Spit out the poison and leave it behind“ fordert dazu auf, Belastendes loszulassen. Direkt daneben steht die Bitte „Just don’t leave me behind“. Genau zwischen diesen beiden Gedanken bewegt sich der Song. Es geht um Liebeskummer, Verletzungen und darum, die sprichwörtlichen Scherben wieder einzusammeln, wenn bei einem anderen Menschen gerade wenig heil aussieht. Chad Kroeger beschreibt den Inhalt als schwer, gleichzeitig aber hoffnungsvoll. Für ihn handelt das Stück davon, jemandem Last abzunehmen und klarzumachen, dass schwierige Situationen nicht allein bewältigt werden müssen. Gleichzeitig steckt darin die eigene Unsicherheit, auf diesem Weg womöglich selbst verloren zu gehen. Diese Spannung war für die Band entscheidend. „Leave Me Behind“ ist damit kein simples „Kopf hoch, wird schon wieder“ in Rockform. Hilfe und Verlustangst existieren gleichzeitig – was die Sache erheblich menschlicher macht.
Innerhalb der bisherigen Vorboten von „
Everything Under The Sun“ übernimmt „Leave Me Behind“ damit eine klar andere Funktion. „Rattle The Cage“ entstand mit John 5 und arbeitet laut Ankündigung mit schnellen Gitarren, schweren Riffs und großer Stadionenergie. Davor erschien „Bones For The Crows“, Nickelbacks erste neue Musik seit dem Album „Get Rollin'“. Nun rückt stärker das Songwriting in den Vordergrund. Die drei Stücke sollen gemeinsam einen ersten Eindruck davon geben, wie breit das kommende Album angelegt ist. Massive Gitarren und Arena-Rock gehören weiterhin dazu, daneben stehen melodischere und nachdenklichere Songs. Dass Nickelback diese Pole innerhalb einer Platte zusammenführen, passt auch zum Titel „Everything Under The Sun“: Das Album soll verschiedene Bestandteile abdecken, die den Bandsound über mehr als drei Jahrzehnte geprägt haben. Bei „Leave Me Behind“ ist vor allem der Inhalt konkret beschrieben. Der Song betrachtet Unterstützung nicht als einseitige Heldentat. Wer einem anderen Menschen beim Aufräumen nach einer schwierigen Phase hilft, kann schließlich selbst Bedürfnisse, Ängste und Zweifel haben. Kroegers Aussage greift genau diesen Punkt auf: jemanden durch das hindurchzubringen, was ihn beschädigt hat, ihm einen Teil der Last abzunehmen und gleichzeitig zu hoffen, dass die Verbindung zwischen beiden bestehen bleibt. Ein hübsch ordentliches Happy-End wird daraus nicht automatisch. Gerade diese offene Spannung bildet den Kern des Stücks.
„Everything Under The Sun“ erscheint über die Virgin Music Group und ist Nickelbacks erstes Studioalbum nach „Get Rollin'“. Die neue Albumphase fällt in eine Zeit, in der die kanadische Rockband auch außerhalb des Studios reichlich Aufmerksamkeit bekommen hat. Der Dokumentarfilm „Hate to Love: Nickelback“ beschäftigte sich mit der ungewöhnlichen Geschichte einer Band, die riesige kommerzielle Erfolge ebenso kennt wie jahrelange öffentliche Häme. Dazu kam die „Get Rollin' World Tour“, die laut Bandangaben sowohl die am schnellsten verkaufte als auch die meistbesuchte Tournee ihrer bisherigen Karriere war. Nach mehr als drei Jahrzehnten müssen Nickelback also niemandem mehr erklären, wie große Rockshows funktionieren. Interessanter ist deshalb, welche Teile ihrer musikalischen Identität sie für das neue Album auswählen. Die bisher bekannten Songs geben darauf unterschiedliche Antworten. „Bones For The Crows“ eröffnete das neue Kapitel, „Rattle The Cage“ rückte zusammen mit John 5 die Gitarren nach vorne, „Leave Me Behind“ konzentriert sich stärker auf Verletzlichkeit, Loyalität und gegenseitigen Halt. Der Song formuliert dabei keinen abstrakten Durchhalteappell, sondern eine Beziehung zwischen zwei Menschen, in der beide Seiten etwas zu verlieren haben. Einer soll das Gift der Vergangenheit ausspucken und hinter sich lassen. Der andere bittet nur darum, nicht ebenfalls dort zurückzubleiben. Zwei ähnliche Formulierungen, zwei völlig verschiedene Bedeutungen – und ziemlich viel Stoff für einen einzigen Refrain.