ÖTTE muss niemandem mehr beweisen, dass er eine Rock-Vita besitzt. Seit den Achtzigern zieht sich seine Geschichte durch Bands, Soloalben, Akustikphasen, Konzeptstoff, Rockliner-Momente im Umfeld von Udo Lindenberg und die lange Schattenlinie der ÖTTEBAND. Dazu kommt mit „Mayday“ ein Album, das beim Deutschen Rock & Pop Preis abräumen konnte. Kurz: Der Mann kennt Bühnen, Brüche und Neustarts. „Prolog“ klingt nun genau nach so einem Neustart – nicht kleinlaut, nicht nostalgisch, sondern mit dem festen Willen, aus Erfahrung wieder Druck zu machen.
Der Opener „Rockin’ Clown (Gimme All Your Lovin’)“ schiebt sofort breitbeinig aus den Boxen. Kein müdes Comeback-Riff, sondern ein satter Heavy-Rock-Groove mit Art-Rock-Schimmer und bluesiger Erdung. Michael Hahn setzt am Schlagzeug nicht nur den Takt, sondern gibt dem Song über kräftige Akzente ein lebendiges Rückgrat. Rene Radke am Bass macht ebenfalls mehr als Dienst nach Vorschrift: Sein Spiel treibt, federt und gibt dem Stück diesen körperlichen Vorwärtsdrang, den guter Rock braucht. Frank Bothur legt darüber Gitarren, die schmutzig genug für Rock ’n’ Roll und kontrolliert genug für echtes Songwriting sind. Sein Solo öffnet den Song noch einmal, ohne zur reinen Selbstdarstellung zu werden.
Im Zentrum steht Chris Ötte mit einer Stimmklangfarbe, die nicht auf Hochglanz poliert wurde – zum Glück. Diese Stimme trägt Erfahrung, Reibung und Bühnenstaub. Der Clown, von dem der Song erzählt, ist keine lustige Karnevalsfigur, sondern ein Entertainer mit Rissen: einer, der anderen Licht bringt, während er den eigenen Schmerz hinter Show und Schminke versteckt.
„Theater In Berlin“ zieht danach das Tempo an. Punk-lastig, direkter, urbaner. Die Nummer wirkt wie eine Nachtfahrt durch eine Stadt, die gleichzeitig glänzt und kaputtgeht. Dreck, Hoffnung, Rausch und Einsamkeit liegen nah beieinander, die Band hält den Puls hoch.
Mit „Seelenfresser“ wird es deutlich dunkler. Synth-Effekte, schwere Gitarren und Doublebass-Schub drücken den Song fast in metallische Regionen. Inhaltlich geht es um toxische Nähe, Manipulation und Gegenwehr. Kein Jammern, eher ein Zurückbeißen.
„Kalter Morgen“ setzt schließlich den Gegenpol. Klavier, Streicher, akustische Farben und eine melancholische Gesangsleistung zeigen ÖTTE von seiner verletzlicheren Seite. Die Ballade denkt über Erinnerung, Verlust und Überleben nach, ohne komplett im Kitsch zu versinken.
„Prolog“ ist keine Revolution. Aber eine starke Ansage. Vier Songs, vier Stimmungen, ein roter Faden: Rockmusik mit Seele, Tiefgang und Haltung. Genau richtig als Vorgeschmack auf sein kommendes Album „Rockin’ Clown“.