„Somewhere Over The Rainbow“ wird zum Eurotrance-Track
„Somewhere Over The Rainbow“ gehört zu diesen Melodien, für die es eigentlich keine lange Vorstellungsrunde braucht. Bekannt geworden durch den Film „Der Zauberer von Oz“, wanderte der Klassiker längst durch unterschiedliche Genres und Generationen. Auch die Dance-Szene hat ihre eigene Vorgeschichte mit dem Stück: Marusha machte die Melodie in den 90ern zum Ausgangspunkt ihres Debüts und brachte sie mitten in die damalige Rave-Kultur. Nun nehmen sich Paul Keen, Loona und Aquagen des Stoffes an. Ihre gemeinsame Version verschiebt den Klassiker in Richtung Eurotrance 2.0 – mit treibenden Beats, druckvoller Dance-Produktion und einer Melodie, deren Wiedererkennungswert ohnehin eingebaut ist. Die Besetzung ist dabei ziemlich geschickt gewählt, weil hier unterschiedliche Phasen europäischer Clubmusik aufeinandertreffen. Paul Keen gehört mit 24 Jahren zur jüngeren Producer-Generation und hat bereits mehr als 100 Millionen Gesamt-Streams gesammelt. Für seine Arbeit wurde der deutsche DJ, Producer und Songwriter außerdem mit dem German Songwriting Award ausgezeichnet. Sein Track „Lilith“ kommt auf mehr als 13 Millionen Streams, während seine Neuinterpretation von „The Riddle“ auch über TikTok Fahrt aufgenommen hat: Mehr als 35.000 Creations entstanden dort mit dem Song. Dass Keen seine Produktionen nicht nur für Kopfhörer und Playlists denkt, lässt sich auch an seiner Live-Bilanz ablesen. Headline-Shows führten ihn unter anderem ins Ministry of Sound in London, in den Noa Beach Club in Kroatien und ins Bootshaus in Köln. Dazu kommen Auftritte auf Festival-Mainstages in Europa.
Mit Loona sitzt gleichzeitig reichlich Eurodance-Geschichte mit im Studio. Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre gehörte sie mit Songs wie „Bailando“ und „Hijo de la Luna“ fest zum europäischen Pop- und Dance-Radio. Beide Titel erreichten Platz eins, weitere Singles landeten in den Top 10. Später folgte mit „Vamos a la playa“ ihr größter internationaler Hit. Auch Kollaborationen mit Jerome, DJ Sammy und FiNCH hielten die Verbindung zur aktuellen Dance- und Partyszene. Der dritte Name im Bunde führt noch direkter in deutsche Clubs der Nullerjahre: Aquagen. Mit „Ihr seid so leise“ und „Partyalarm“ gehörte das Projekt zu jener Phase, in der Dance-Tracks nicht gerade für vorsichtige Bassdosierung bekannt waren. Der Remix von „Hard To Say I’m Sorry“ übertrug eine bekannte 80er-Komposition ins Clubformat, während „Phatt Bass (Blade)“ weit über Deutschland hinaus im Rave-Kontext landete. Insgesamt stehen 14 Chart-Hits, mehrere Gold-Auszeichnungen und Echo-Nominierungen in der Bilanz. Mit „Explode (High like Amsterdam)“ ist Aquagen weiterhin mit neuer Musik aktiv. Für die gemeinsame Neuinterpretation treffen damit nicht einfach drei Namen zufällig aufeinander. Loona bringt die Eurodance-Vergangenheit der späten 90er und frühen 2000er mit, Aquagen die härtere deutsche Dance- und Rave-Schiene jener Jahre, Paul Keen übersetzt ähnliche Referenzen in die gegenwärtige Eurotrance-Produktion. Das Ausgangsmaterial schlägt selbst noch eine zusätzliche Brücke zurück zu Marushas 90er-Version. Dance-Geschichte stapelt sich hier also in mehreren Schichten – glücklicherweise ohne Geschichtsunterricht an der Clubtür.
Musikalisch bleibt die bekannte Melodie der entscheidende Anker. Darum herum bauen Paul Keen, Loona und Aquagen ihre Version mit Eurotrance-Elementen, schnellen Beats und einer Produktion, die klar auf Club- und Festivalanlagen zielt. Nostalgie ist dabei kein zufälliger Nebeneffekt, sondern steckt schon in der Auswahl des Songs und der beteiligten Künstler. Gleichzeitig unterscheidet sich die Ausgangslage von einer bloßen 90er-Retrospektive. Paul Keens bisherige Produktionen greifen zwar auf den ungefilterten Rave-Spirit dieser Zeit zurück, bearbeiten ihn aber mit heutigen Produktionsmitteln und für ein Publikum, das Eurotrance längst wieder in Playlists, Clubs, Festival-Sets und Social-Media-Clips entdeckt hat. Loona und Aquagen kennen den europäischen Dance-Betrieb wiederum aus einer Zeit, in der ihre Tracks selbst Teil der Charts waren. Genau dieser Generationenmix ist die konkrete Besonderheit der Zusammenarbeit. Ein Song aus der Filmgeschichte, eine prominente Rave-Adaption aus den 90ern, zwei Acts mit jahrzehntelanger Dance-Biografie und ein 24-jähriger Producer treffen in einer neuen Fassung aufeinander. „Somewhere Over The Rainbow“ wird dadurch nicht einfach schneller gemacht und mit einem Beat versehen. Die Version greift mehrere Stationen der europäischen Dance-Kultur auf und bündelt sie in einem Eurotrance-Track, dessen Zielgebiet ziemlich eindeutig abgesteckt ist: große Anlagen, hohe BPM und ein Publikum, das die Melodie wahrscheinlich erkennt, bevor überhaupt jemand erklären könnte, aus welchem Jahrzehnt es sie eigentlich kennt.