Cover: Paula Hartmann - zwei Punkte
7/8
mix1 Bewertung

Paula Hartmann eröffnet mit „zwei Punkte“ ein neues Kapitel

Mehr als zwei Jahre liegen zwischen Paula Hartmanns zweitem Studioalbum „kleine Feuer“ und „zwei Punkte“. Dazwischen ist ihre Mischung aus Rap und Pop nicht plötzlich verschwunden, sie bekommt auf der neuen Single aber eine andere Färbung. „zwei Punkte“ eröffnet die nächste Phase ihrer Musik und gibt einen ersten Hinweis darauf, wie der Weg zum angekündigten Album „Das Traurigste Mädchen der Welt“ aussehen könnte. Die Grundstimmung bleibt dunkel, nur scheint diesmal etwas mehr Licht durch die Ritzen. Hoffnung spielt eine größere Rolle, ohne dass Hartmann deshalb ihre bisherige Sprache gegen leicht verdauliche Durchhalteparolen eintauscht. Das wäre bei ihr ohnehin verdächtig gewesen. Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte die Nummer bei Hartmanns Überraschungsset auf dem Hamburger MS Dockville. Dort ließ sich bereits erkennen, dass der Übergang nach „kleine Feuer“ keine komplette Kehrtwende bedeutet. Vielmehr verschiebt sich die Perspektive. Die neue Single wirkt zugänglicher, behält aber jene Verbindung aus Pop und Rap sowie den textlichen Anspruch, der Hartmanns bisherige Veröffentlichungen geprägt hat. „kleine Feuer“ ist damit als Albumphase abgeschlossen. „zwei Punkte“ schaut nicht zurück, sondern tastet sich in Richtung des nächsten Albums vor.

Besonders deutlich wird das in den Lyrics. Hartmann schreibt nicht einfach einen Song darüber, dass irgendwann schon alles besser werde. Ihre Hoffnung hat einen konkreten Adressaten und wechselt innerhalb des Stücks sogar die Richtung. Zunächst heißt es: „du brauchst nur einen Traum mehr, als man Dir nehmen kann“. Ein kurzer Satz, der weniger nach Kalenderweisheit klingt, wenn später die Perspektive kippt und Hartmann selbst angesprochen wird. Aus dem Blick nach außen wird ein Gespräch mit der eigenen Person. Genau dieser Wechsel ist für „zwei Punkte“ entscheidend. Die Worte funktionieren nicht ausschließlich als Zuspruch an die Menschen, die den Song hören, sondern ebenso als Selbstansprache. Dadurch entsteht ein bemerkenswerter Kontrast zu der weiterhin dunklen Grundfarbe. Hoffnung wird hier nicht als großer Befreiungsschlag erzählt. Sie taucht eher als Möglichkeit auf, die man sich erst einmal selbst glaubhaft machen muss. Das passt zu Hartmanns Art zu schreiben: Ihre Texte verlangen Aufmerksamkeit und geben ihre Bedeutung nicht komplett beim ersten Durchlauf preis. Gleichzeitig wirkt „zwei Punkte“ unmittelbarer als eine Nummer, die sich hinter komplizierten Bildern verschanzt. Die entscheidenden Zeilen sind klar formuliert, ihre zweite Ebene ergibt sich aus dem Wechsel der Perspektive. Gerade darin steckt der Hinweis, dass sich bei Paula Hartmann etwas bewegt, ohne dass sie dafür ihre bisherige Handschrift ablegen müsste.

Auch im größeren Zusammenhang ist die Single interessant. „zwei Punkte“ steht nicht isoliert da, sondern fungiert als Auftakt auf dem Weg zu „Das Traurigste Mädchen der Welt“. Viel mehr über dieses kommende Album wird bislang nicht verraten. Entsprechend wäre es verfrüht, aus einem einzelnen Song bereits den kompletten Klang der Platte herauslesen zu wollen. Eine Richtung lässt sich trotzdem erkennen: Wo „kleine Feuer“ inzwischen Vergangenheit ist, öffnet Hartmann die Tür für eine Phase, in der Dunkelheit nicht automatisch Aussichtslosigkeit bedeutet. Das ist ein kleiner Unterschied mit ziemlich großer Wirkung. Ihre Sprache bleibt präzise und persönlich, die Verbindung zwischen Rap und Pop ebenfalls bestehen. Neu wirkt vor allem der Blickwinkel. Statt nur in schwierigen Zuständen zu verharren, lässt „zwei Punkte“ die Möglichkeit besserer Tage überhaupt zu. Nicht naiv, nicht mit Konfetti und Sonnenaufgang im Hintergrund, sondern vorsichtig genug, um zu Paula Hartmanns bisheriger Welt zu passen. Dass ausgerechnet dieser Song als erster Vorbote des kommenden Albums gewählt wurde, macht neugierig auf die nächsten Schritte. Wie viel von dieser vorsichtigen Zuversicht später auf „Das Traurigste Mädchen der Welt“ zu hören sein wird, bleibt offen. Für den Moment reicht die Erkenntnis, dass Paula Hartmann ihre dunklen Räume nicht verlassen muss, um darin etwas Helles zu finden.

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