Cover: Phal:Angst - Minor Tremors
7/8
mix1 Bewertung

Phal:Angst: „Minor Tremors“ zwischen Post-Rock und Industrial

Phal:Angst haben es nicht besonders eilig. Das ist nach zwei Jahrzehnten Bandgeschichte durchaus wörtlich zu nehmen. Die Wiener Formation stammt aus der anarchistischen DIY-Punk- und Hardcore-Szene der Jahrtausendwende und arbeitet seitdem an einer eigenwilligen Schnittstelle von elektronischem Industrial und analogem Post-Rock. Das sechste Studioalbum „Minor Tremors“ führt diese Linie weiter, fällt laut Band allerdings etwas dreckiger und sogar ein bisschen poppiger aus als sein Vorgänger. Wobei „poppig“ bei Phal:Angst natürlich nicht automatisch bedeutet, dass plötzlich der Drei-Minuten-Refrain auf seinen Einsatz wartet. Klassische Strophe-Refrain-Schemata gehören gerade nicht zu den bevorzugten Werkzeugen. Stattdessen entstehen die Stücke über Spannungsaufbau, Verdichtung und Entschleunigung. Die Stimmungsfarben reichen von düster und melancholisch bis harmonisch und stellenweise romantisch. Darin steckt auch eine gewisse Konsequenz: Während kurze Aufmerksamkeitsspannen und schnelle Veröffentlichungszyklen längst zum Alltag gehören, arbeitet die Band seit 20 Jahren an ihrer eigenen Formensprache. Das Jubiläum fällt nun mit einem Album zusammen, dessen Titel übersetzt kleine Erschütterungen meint. Keine schlechte Beschreibung für Musik, die nicht unbedingt mit einem einzigen großen Knall arbeiten muss. Manchmal reicht eine Verschiebung im Untergrund, bis plötzlich alles ein wenig anders steht.

Inhaltlich beschäftigt sich „Minor Tremors“ mit ziemlich großen Erschütterungen. Phal:Angst greifen den drohenden Faschismus auf, politische Hoffnungslosigkeit und die Frage, wie Kollaboration und Empathie einem Gefühl von Unbesiegbarkeit etwas entgegensetzen können. Auch Liebe in einer brennenden Welt gehört zu den Themen. Die titelgebenden kleinen Beben dienen dabei als Bild für Entwicklungen, die zunächst unscheinbar wirken und später erheblich größer werden können. Musikalisch bleibt die Band ihrem Wechselspiel zwischen Elektronik, Industrial und Post-Rock treu, ohne das bisherige Rezept einfach zu kopieren. Die neue Platte darf Schmutz ansetzen und gleichzeitig an einigen Stellen zugänglicher werden. Hinter dieser Arbeit steckt eine Bandgeschichte mit zahlreichen Verbindungen in experimentelle und schwere Musikbereiche. Phal:Angst wurden unter anderem von Lustmord, Justin K. Broadrick, Jarboe, Dälek, Electric Indigo und Gerhard Potuznik geremixt. Bühnen teilten sie mit Dälek, Lydia Lunch, Boris und LVmen. Die Spielorte fielen ähnlich wenig standardisiert aus: Museen und Galerien gehörten ebenso dazu wie Squats, Universitäten, Rockclubs, Gartenhäuser und vegane Imbissbuden. Letzteres dürfte immerhin die Frage nach dem Catering angenehm verkürzt haben. Ein wichtiger Ort ihrer Geschichte bleibt das Wiener Rhiz. Dort gründete sich die Band 2006 auf der Bühne. Auch das Albumreleasekonzert zum 20-jährigen Bestehen führt Phal:Angst wieder dorthin zurück, ausgerichtet vom Veranstaltungskollektiv „nicht“ um Herbie Molin.

Für den Klang von „Minor Tremors“ ist auch die technische Besetzung interessant. Aufgenommen und gemischt wurde das Album von FAZO666FAZO, Schlagzeuger von Baits und Bull Na kano sowie Produzent von Bipolar Feminin und lovehead. Das Mastering übernahm erneut Alex Vatagin, der Phal:Angst bereits lange begleitet und unter anderem mit Voodoo Jürgens, Naked Lunch und dem Kronos Quartet gearbeitet hat. Am Bass ist auf dem Album RBK von Rolltreppe zu hören; künftig übernimmt Nina Schönwald die tiefen Frequenzen innerhalb der Band. Damit steckt hinter der Platte nicht nur eine lange gemeinsame Geschichte, sondern auch ein konkretes Netzwerk aus Wiener und internationaler Musikszene. Die Verbindung aus elektronischer Bearbeitung und analoger Banddynamik bleibt der entscheidende Ausgangspunkt. Phal:Angst suchen weniger den schnellen Effekt als einen Spannungsbogen, der sich allmählich verdichtet. Gerade deshalb passen die gesellschaftlichen Themen zur musikalischen Konstruktion: Entwicklungen kündigen sich an, wachsen, verschieben Verhältnisse. „Minor Tremors“ behandelt Faschismus, Ohnmacht, Zusammenarbeit, Empathie und Liebe nicht als voneinander isolierte Schlagworte, sondern als Bestandteile einer Gegenwart, in der kleine Veränderungen erhebliche Folgen haben können. Nach sechs Studioalben und 20 Jahren Bandgeschichte wirkt Konsequenz hier weniger wie Stillstand als wie eine Arbeitsweise. Phal:Angst kommen aus Punk und Hardcore, bewegen sich zwischen Industrial und Post-Rock und haben längst einen eigenen Platz zwischen diesen Koordinaten gefunden. Oder, um Paul Poets Beschreibung aufzugreifen: irgendwo im grundschwarzen Fleck zwischen Mogwai, Nine Inch Nails und Godspeed You! Black Emperor. Dort lässt es sich offenbar erstaunlich lange aushalten.
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Tracklist

01 All Will Be Grey 09:49
02 In Orbit 07:43
03 A Bug, Not A Feature 07:25
04 Minor Tremors 07:06
05 Gravity Of Two 06:30

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