Cover: Pulp - Live!
7/8
mix1 Bewertung

Pulp: „Live!“ dokumentiert zwei Abende in London

Ein Ausrufezeichen kann manchmal erstaunlich viel Arbeit übernehmen. Bei Pulp und „Live!“ ist es jedenfalls nicht bloß typografischer Schmuck. Jarvis Cocker versteht den Titel einerseits ganz sachlich: Zu hören ist eine Band bei einem Konzert. Gleichzeitig steckt darin eine Aufforderung ans Publikum, tatsächlich lebendig zu werden. Genau diese Doppeldeutigkeit führt ziemlich direkt zum Grundgedanken des Albums. Für Cocker ist ein Konzert ein Ereignis, bei dem Songs ein neues Leben bekommen. „Live!“ dokumentiert deshalb nicht einfach eine Setlist vor Publikum, sondern hält zwei konkrete Abende der Pulp-Geschichte fest. Das Material stammt aus der Londoner O2 Arena, wo die Band ihre 566. und 567. Show spielte. Bemerkenswert ist auch der Zeitpunkt dieser Konzerte. In derselben Woche erreichte „More“, das erste Pulp-Studioalbum seit 24 Jahren, die Spitze der offiziellen britischen Albumcharts. Alte Stücke und neues Material trafen damit auf einer Bühne zusammen, während die Band gerade ein neues Kapitel ihrer Diskografie aufschlug. Das Livealbum konserviert diesen Schnittpunkt: bekannte Songs aus früheren Phasen stehen neben neueren Stücken, die nun erstmals innerhalb derselben Konzertdramaturgie auftauchen. Für eine Gruppe mit mehreren hundert gespielten Shows ist das keine kleine Fußnote. „Live!“ hält einen sehr bestimmten Zustand von Pulp fest – nicht rückblickend aus dem Archiv gezogen, sondern während einer Phase aufgenommen, in der neues Material und die lange Bandgeschichte gleichzeitig auf der Bühne präsent waren.

Das Album besitzt noch eine zweite Funktion, denn „Live!“ ist eng mit dem Film „What Do You Do For an Encore?“ verbunden. Regie führt Garth Jennings, dessen Zusammenarbeit mit Pulp weit zurückreicht. Bereits 1997 drehte er das Musikvideo zu „Help the Aged“. Als die Band 2023 ihre Rückkehr auf die Konzertbühnen ankündigte, meldete sich Jennings erneut und bot an, das Bühnenkonzept mitzugestalten. Aus dieser erneuten Zusammenarbeit entwickelte sich schließlich der Film. Jennings zeichnete die beiden O2-Auftritte auf, die dessen Herzstück bilden und zugleich das Ausgangsmaterial für das Livealbum bereitstellen. Dadurch lässt sich „Live!“ auch als eine Art erster Filmsoundtrack von Pulp betrachten. Musik und Film greifen auf dieselben Konzerte zurück, betrachten sie aber in unterschiedlichen Formaten. Der Titel „What Do You Do For an Encore?“ passt dabei ziemlich gut zu einer Band, deren Geschichte bereits 567 Shows umfasst. Was macht man nach all diesen Zugaben? Offenbar noch zwei Abende in der O2 Arena, lässt Kameras mitlaufen und baut daraus einen Film samt Liveplatte. Wichtiger als die bloßen Zahlen ist allerdings die Verbindung zwischen Jennings und der visuellen Seite der Band. Seine Beteiligung beginnt nicht erst mit der Kamera vor der Londoner Bühne, sondern knüpft an eine Zusammenarbeit an, die bereits Jahrzehnte zuvor mit einem Pulp-Musikvideo begonnen hatte. Das macht Film und Album weniger zu nachträglich angehängten Begleitprodukten als zu Ergebnissen einer länger bestehenden kreativen Verbindung.

„Live!“ dokumentiert damit mehrere Ebenen gleichzeitig. Da ist zunächst die unmittelbare Konzertaufnahme einer Band, die ihre Songs vor großem Publikum spielt. Hinzu kommt der Zusammenhang mit „More“, dessen Chartspitze zeitlich genau in die Woche der aufgezeichneten Shows fällt. Schließlich gibt es die filmische Ebene durch Garth Jennings und „What Do You Do For an Encore?“. Diese Konstellation erklärt auch, weshalb Cockers Definition eines Livealbums hier etwas weiter reicht als „Band spielt, Aufnahmegerät läuft“. Songs verändern sich auf der Bühne durch den konkreten Abend, die Reaktion des Publikums und den Zustand der Musiker. Bei den beiden Londoner Shows kam noch etwas hinzu: Pulp konnten Material aus verschiedenen Phasen ihrer Geschichte erstmals in dieser Form zusammenführen. Das Album blickt also nicht ausschließlich zurück, obwohl zwangsläufig bekannte Stücke aus dem Katalog dazugehören. Ebenso wenig funktioniert es nur als Live-Anhang zu „More“. Die Aufnahmen halten den Moment fest, in dem beides zusammenkommt. Genau darin liegt die Besonderheit dieser 566. und 567. Pulp-Shows. Die Bandgeschichte ist hörbar vorhanden, neues Material ebenso. Parallel zeichnet Jennings das Geschehen für einen Film auf, dessen Wurzeln indirekt bis zu „Help the Aged“ reichen. Der kurze Titel „Live!“ bekommt vor diesem Hintergrund erstaunlich viele Bedeutungen. Tatsachenfeststellung, Aufforderung, Konzertdokument und Filmsoundtrack passen gleichzeitig hinein. Mehr Arbeit kann man einem einzelnen Ausrufezeichen eigentlich kaum zumuten.

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Tracklist

01 Intro
02 Spike Island
03 Slow Jam
04 Sorted for E's & Wizz
05 Disco 2000
06 Help the Aged
07 Farmers Market
08 This is Hardcore
09 Sunrise
10 Something Changed
11 Grown Ups
12 O.U.
13 Do You Remember the First Time?
14 Mis-Shapes
15 Got to Have Love
16 Babies
17 Common People
18 A

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