Cover: Ramona Martiness - Räumungsverkauf
7/8
mix1 Bewertung

Ramona Martiness: „Räumungsverkauf“ nach der Trennun

Bei Ramona Martiness muss nach einer gescheiterten Beziehung offenbar nicht lange überlegt werden, wohin mit den gemeinsamen Erinnerungen. In „Räumungsverkauf“ kommt schlicht alles raus. Der Popschlager stammt aus ihrem Album „Einfach ich“ und erscheint als weitere Single-Auskopplung. Schon die Grundidee ist ziemlich eindeutig: Eine Trennung wird wie die Auflösung eines Ladens behandelt, inklusive radikaler Bestandsaufnahme. Was noch an die gemeinsame Vergangenheit erinnert, wird aussortiert. Dabei unterscheidet der Text nicht groß zwischen Dingen, Worten und den weniger angenehmen Hinterlassenschaften einer Beziehung. Ein „Schokoherz“ landet gedanklich neben „Liebesschwüren“ und „Intrigen“. Gerade diese Mischung macht den Kniff des Songs aus. Statt über das Ende der Liebe ausführlich zu grübeln, wird aufgeräumt. Und zwar gründlich. Die Beziehung ist beendet, also kann auch ihr Inventar weg. Das bewusst überzeichnete Bild eines Ausverkaufs nimmt der Situation einen Teil ihrer Schwere und übersetzt den Schlussstrich in eine konkrete Handlung. Kein langes Sitzen zwischen Erinnerungskisten, kein sentimentales Vielleicht-doch-noch-mal. Hier hängt bildlich gesprochen schon das Schild im Schaufenster. Alles muss raus. Die Aufzählungen im Text treiben dieses Prinzip weiter und behandeln persönliche Erinnerungsstücke, Versprechen und Ärgernisse wie Positionen auf einer ziemlich ungewöhnlichen Verkaufsliste. Dadurch bekommt „Räumungsverkauf“ einen Humor, der direkt aus der Geschichte des Songs entsteht und nicht zusätzlich darübergestülpt werden muss.

Der Refrain greift diese Idee konsequent auf. Die Wiederholung des Titels funktioniert wie ein Werbeslogan, nur dass hier eben keine Möbel, Restposten oder Winterjacken verramscht werden. Verkauft wird symbolisch das, was von einer gescheiterten Beziehung übrig geblieben ist. Das ist bewusst größer gezeichnet als die Realität und passt zur Haltung der Erzählerin: Sie will die Vergangenheit nicht analysieren, sondern erledigen. Genau darin unterscheidet sich der Song von vielen Trennungstiteln, die erst einmal ausführlich im Scherbenhaufen Platz nehmen. Ramona Martiness bekommt stattdessen eine Figur, die handelt. Aussortieren, abhaken, Platz schaffen. Der Text benutzt dafür die Mechanik eines echten Räumungsverkaufs und zieht sie konsequent bis in den Refrain durch. Musikalisch bleibt die Nummer ebenfalls auf Direktheit ausgelegt. Dezente E-Gitarren gehören zum Arrangement, ohne dass der Popschlager dadurch seine klare Ausrichtung verliert. Dazwischen taucht Ramona Martiness mit einem leidenschaftlich gesungenen „oohoo..“ auf – ein kleines Detail, das dem Arrangement eine zusätzliche vokale Wiedererkennung gibt. Produzent Stefan Pössnicker arbeitet hier also nicht ausschließlich mit den üblichen elektronischen Bausteinen des Popschlagers, sondern nimmt Gitarrenelemente in die Produktion auf. Das passt zur eher offensiven Erzählhaltung. Der Song will den Trennungsschmerz nicht minutenlang ausleuchten. Er macht aus ihm Bewegung und aus dem Beziehungsaus eine Art Schlussverkauf mit ziemlich persönlichem Sortiment. Die starke Wiederholung im Refrain ist dafür kein Zufall: Der Titel soll hängen bleiben und gleichzeitig die gesamte Geschichte in einem einzigen Begriff zusammenfassen.

„Räumungsverkauf“ gehört zum Album „Einfach ich“ und funktioniert als Single vor allem über diese klar erkennbare Idee. Ramona Martiness singt nicht einfach davon, jemanden vergessen zu wollen. Der Text baut ein komplettes Szenario darum, wie dieses Vergessen praktisch aussehen könnte. Schokoherz? Weg. Liebesschwüre? Ebenfalls raus. Intrigen dürfen sowieso gerne die Tür nehmen. Die Gleichbehandlung solcher völlig unterschiedlichen Dinge gibt dem Stück seinen augenzwinkernden Charakter. Zugleich bleibt der Kern verständlich: Nach dem Ende einer Beziehung soll nichts mehr herumliegen, das den Blick ständig zurückzieht. Aus Loslassen wird deshalb Ausräumen. Die Übertreibung verhindert, dass daraus ein schweres Trennungsdrama wird, und macht den Refrain leicht mitsingbar. Stefan Pössnickers Produktion folgt dieser Vorgabe mit Energie, dezenten E-Gitarren und genügend Raum für Martiness' Stimme sowie die kleinen vokalen Einwürfe. Viel komplizierter muss ein Popschlager mit einer derart klaren Textidee auch gar nicht werden. Interessanter ist, wie konsequent „Räumungsverkauf“ sein eigenes Bild durchzieht. Der Titel steht nicht bloß als hübsches Wort über dem Song, sondern bestimmt Aufbau, Wortwahl und Haltung der Geschichte. Dass daraus Hitpotenzial entstehen kann, liegt vor allem an diesem schnell verständlichen Prinzip und dem sloganartigen Refrain. Ob daraus tatsächlich ein Hit wird, entscheidet am Ende natürlich das Publikum. Zumindest lässt sich die Kernzeile nach einmaligem Hören schwer mit einem Kassenbon entsorgen.
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