Cover: René Ulbrich - Papa
6/8
mix1 Bewertung

René Ulbrich macht mit „Papa“ Trennungsfamilien zum Thema

Eine Trennung verändert nicht nur die Beziehung zweier Menschen. Für Eltern und Kinder beginnt häufig ein Alltag, der plötzlich nach Kalender funktioniert: gemeinsame Wochenenden, feste Besuchszeiten, Vorfreude aufs Wiedersehen – und danach wieder Abschied. Genau diesen Punkt greift René Ulbrich in „Papa“ auf. Erzählt wird aus Sicht eines Vaters, der seine Tochter nicht mehr täglich um sich haben kann. Seine Rolle als Papa endet deshalb natürlich nicht an der Wohnungstür. Nur die gemeinsame Zeit bekommt einen anderen Rhythmus und damit einen anderen Wert. Ulbrich konzentriert sich auf Situationen, die im ersten Moment ziemlich unspektakulär erscheinen: das Warten aufeinander, gemeinsame Unternehmungen, ein paar Stunden oder Tage zusammen. Gerade diese kleinen Szenen geben der Geschichte ihren konkreten Rahmen. Irgendwann kommt schließlich jener Moment, den Trennungseltern nur zu gut kennen: Das Kind muss wieder gehen. Besonders direkt wird das in den Zeilen „Sehen wir uns Papa – in vierzehn Tagen“ und „Schade, dass Du nicht mehr bei uns zu Hause bist“. Mehr Erklärung braucht es eigentlich kaum. Vierzehn Tage sind im Kalender schnell umgeblättert. Aus Sicht eines Kindes oder eines Vaters können sie verdammt lang sein.

Bemerkenswert an „Papa“ ist vor allem der Verzicht auf übertriebene Inszenierung. Die Geschichte braucht keinen zusätzlichen Kunstnebel, weil die geschilderte Situation bereits genug Gewicht besitzt. René Ulbrich beschreibt keine abstrakte Vorstellung von Vaterliebe, sondern einen Alltag nach der Trennung: Man freut sich aufeinander, nutzt die gemeinsame Zeit bewusster und muss sich trotzdem regelmäßig verabschieden. Der Song betrachtet damit auch eine Familienrealität, über die in Liedern nicht gerade pausenlos gesprochen wird. Vater und Tochter leben nicht mehr ständig unter einem Dach, ihre Verbindung bleibt dennoch bestehen. Musikalisch trägt Ulbrichs markante Stimme den Titel, eingebettet in eine zeitgemäß produzierte Schlagerfassung. Laut vorliegenden Informationen soll die Nummer bewusst über die üblichen Grenzen des klassischen Schlagers hinausgehen. Entscheidend bleibt allerdings der Text. Er arbeitet mit verständlichen Bildern und konkreten Sätzen statt mit großen Behauptungen. Das passt zum Thema. Wer selbst zwischen Besuchswochenenden, gepackten Taschen und dem nächsten Termin im Familienkalender lebt, dürfte die beschriebenen Momente ohne lange Gebrauchsanweisung erkennen. Gleichzeitig erzählt „Papa“ nicht nur von fehlender gemeinsamer Zeit. Es geht ebenso darum, was ein Vater aus den Stunden macht, die ihm mit seinem Kind bleiben. Die Vorfreude gehört deshalb genauso zur Geschichte wie der Abschied.

Für René Ulbrich ist diese Art von lebensnaher Erzählung kein völlig fremdes Terrain. Der Sänger, Musiker und Songwriter blickt auf mehr als zwei Jahrzehnte Bühnenerfahrung zurück. Hinzu kommen TV-Auftritte und Chartplatzierungen. Seine Songs schreibt Ulbrich selbst, wodurch die inhaltliche Handschrift bei ihm nicht an der Studiotür abgegeben wird. Wiederholt beschäftigt er sich in seinen Texten mit Themen aus dem tatsächlichen Leben. Bei „Papa“ führt dieser Ansatz mitten hinein in eine Konstellation, die zahlreiche Familien kennen und die trotzdem bei jedem Vater, jeder Mutter und jedem Kind anders aussieht. Der Titel versucht deshalb gar nicht erst, Trennung allgemein zu erklären oder Schuldfragen aufzumachen. Stattdessen bleibt die Perspektive eng bei Vater und Tochter. Das ist eine sinnvolle Entscheidung, denn dadurch bekommt die Geschichte Kontur. Besonders der Satz vom Wiedersehen in vierzehn Tagen fasst ziemlich nüchtern zusammen, was nach einer Trennung schnell Normalität werden kann: Nähe wird terminiert. Gemeinsam verbrachte Zeit bekommt einen Anfang und leider auch eine ziemlich genaue Abfahrtszeit. „Papa“ beschreibt diese Realität ohne unnötige Zuspitzung und ohne aus dem Familienalltag ein riesiges Drama zu bauen. Am Ende bleibt die einfache Erkenntnis, die im Song selbst steckt: Ein gemeinsames Zuhause kann verschwinden, die Beziehung zwischen Vater und Kind muss es nicht.

Video

Anzeige

Weitere Produkte von René Ulbrich

Anzeige

Musik-Newsletter