Cover: Ro Bergman - First Cut City Love
7/8
mix1 Bewertung

„First Cut City Love“: Ro Bergman zwischen Indie und Pop

Eine Stadt, Musik auf den Ohren und für ein paar Minuten keinerlei Verpflichtung, eine bestimmte Version seiner selbst darstellen zu müssen: Ro Bergman macht aus dieser Situation den Kern von „First Cut City Love“. Die Hauptsingle seines Debütalbums „SAUM“ beschäftigt sich mit einem Moment, in dem Biografie, Status und Erwartungen kurz Sendepause haben. Statt zurückzuschauen, bewegt sich der österreichische Songwriter durch die Stadt, beobachtet seine Umgebung und lässt die Vergangenheit an Gewicht verlieren. Das klingt zunächst nach einem ziemlich simplen Spaziergang, meint aber einen konkreten inneren Wechsel. Wer nicht permanent darüber nachdenkt, was gewesen ist oder was andere erwarten könnten, hat plötzlich wieder Platz für das, was gerade passiert. Genau diese Leichtigkeit bestimmt den Song. Der Blick wandert nach vorne, ohne daraus eine große Selbstoptimierungsnummer zu machen. Entscheidend bleibt das Jetzt: Straßen, Menschen, Musik, Bewegung. „First Cut City Love“ greift damit einen Zustand auf, der auch zum Grundgedanken von „SAUM“ passt. Der Albumtitel bezeichnet eine Übergangszone zwischen Tal und Berg und dient zugleich als Bild für den Bereich zwischen Vergangenheit und dem, was als Nächstes kommt. Die Single befindet sich genau dort. Nicht am Ziel, aber eben auch nicht mehr dort, wo die Geschichte begonnen hat.

Auch musikalisch bewegt sich Ro Bergman zwischen verschiedenen Polen. Indie Rock bildet eine Grundlage, Pop-Sensibilität kommt hinzu, analoge Klangwelten treffen auf elektronische Elemente. Daraus entsteht ein treibender Sound, der zur Bewegung des Songs passt, ohne dessen Leichtigkeit mit zu viel Gewicht zuzuschütten. Die Idee der Stadt bleibt dabei nicht auf den Text beschränkt. Für das Musikvideo ging es nach London, Regie führte Sophia French. Straßen, Licht, Bewegung und Reflexionen werden dort Teil der Erzählung. London dient also nicht lediglich als hübsche Kulisse für ein paar Großstadtbilder. Die Stadt gibt dem Gedanken des Unterwegsseins einen konkreten Raum. Man bewegt sich durch Straßen, lässt Eindrücke vorbeiziehen und muss nicht bei jeder Ecke erklären, wer man eigentlich ist. Gerade eine Metropole funktioniert für diese Idee ziemlich gut: Menschen kommen und gehen, Lichter wechseln, überall passiert gleichzeitig irgendetwas. Stillstand wäre da fast schon die kompliziertere Option. Das Video übersetzt den Impuls des Songs deshalb über Bewegung und Beobachtung. Statt Vergangenheit auszuerzählen, schaut die Kamera auf das, was vor der Figur liegt und was unterwegs auftaucht. So bekommt die in „First Cut City Love“ beschriebene Schwerelosigkeit ein sichtbares Gegenstück. Musik und Bilder teilen denselben Gedanken: weniger festhalten, mehr wahrnehmen.

Innerhalb der bisherigen Veröffentlichungen von Ro Bergman nimmt „First Cut City Love“ eine klare Position ein. Nach „Start“, „No Mistakes“ und „Skin“ führt die Hauptsingle unmittelbar zum Debütalbum „SAUM“. Inhaltlich passt das Stück eng zu dessen Idee einer Übergangszone. Zwischen Tal und Berg liegt ein Bereich, der weder eindeutig Anfang noch Ende ist; übertragen auf Bergmans Album wird daraus die Strecke zwischen dem, was hinter einem liegt, und dem noch Unbekannten. „First Cut City Love“ beschreibt einen solchen Zwischenraum nicht theoretisch, sondern über eine konkrete Situation. Man läuft durch die Stadt, hört Musik, schaut herum. Der eigene Status ist für einen Augenblick egal. Erwartungen dürfen ebenfalls draußen bleiben. Selbst die persönliche Geschichte muss nicht ständig mitlaufen wie ein übermotivierter Reisebegleiter. Was zählt, ist die Bewegung nach vorne. Dass Bergman dafür analoge und elektronische Klangwelten zusammenbringt, passt zu diesem Dazwischen ebenso wie die Kombination aus Indie Rock und Pop. Auch das London-Video von Sophia French folgt keinem losgelösten Zusatzkonzept, sondern greift Bewegung, Licht und Reflexionen als Bestandteile derselben Erzählung auf. Damit bündelt die Single mehrere Gedanken, die „SAUM“ prägen: Übergang, Loslassen, Gegenwart und der Blick auf das, was erst noch kommt. Große Antworten braucht „First Cut City Love“ dafür nicht. Manchmal genügt offenbar schon eine Stadt, ein Song im Ohr und die angenehme Erkenntnis, gerade niemand Bestimmtes sein zu müssen.

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