Cover: Shirley Grimes - Tender
7/8
mix1 Bewertung
Album

Tender

Shirley Grimes

Kategorie: Pop | Pop / Folk
Veröffentlichung: 23.10.2026
Promotion: Song promoten?

Bestelllinks erscheinen in der Regel am Veröffentlichungstag (23.10.2026).

Shirley Grimes: „Tender“ nach acht Jahren Pause

Acht Jahre lagen zwischen zwei Veröffentlichungen von Shirley Grimes. Für ihr neuntes Studioalbum „Tender“ hat sich die in Irland geborene und in Bern lebende Singer-Songwriterin diese Zeit nicht einfach genommen, um möglichst viele neue Lieder anzuhäufen. Dahinter steckte ein längerer kreativer Prozess: den passenden Ton finden, Worte präzisieren und schließlich den Mut aufbringen, sie tatsächlich auszusprechen. Schon der Albumtitel ist deshalb mehr als eine hübsche Überschrift. Das englische „tender“ kann Sanftheit, Verletzlichkeit, Sensibilität und Einfühlungsvermögen bedeuten, ebenso Fürsorge oder Beistand. Diese verschiedenen Bedeutungen ziehen sich durch die Songs. Inhaltlich geht Grimes an Themen, die selten mit ein paar gefälligen Zeilen erledigt sind. Macht und Machtmissbrauch gehören dazu, Hoffnung und Verlust, Erwachen, Sehnsucht sowie Selbstbestimmung. Persönliche Fragen treffen auf politische und gesellschaftliche Realitäten. Einen zusätzlichen Blick darauf gewann Grimes durch KULTUR AM BETTRAND, eine von ihr gegründete gemeinnützige Organisation, die Menschen mit Erkrankungen und andere Personen in vulnerablen Lebenssituationen mit kostenlosen Musikangeboten erreicht. Die dort gewonnenen Einblicke fließen in die Perspektiven des Albums ein. „Tender“ will schwierige Fragen nicht glattbügeln. Dass Grimes dafür ausgerechnet ein Wort mit so vielen sanften Bedeutungen als Titel gewählt hat, ist kein Widerspruch. Eher steckt darin die Idee, dass leise und genaue Beobachtung manchmal mehr freilegt als großes Getöse.

Musikalisch bleibt Shirley Grimes tief in Folk und Singer-Songwriter-Traditionen verwurzelt. Die Arrangements sind bewusst zurückhaltend angelegt, damit Lieder und Geschichten genügend Raum bekommen. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Zurückhaltung und bloßer Sparsamkeit: Die Produktion wurde nicht reduziert, nur um möglichst reduziert zu klingen. Weitere Instrumente kommen dann hinzu, wenn ein Text nach einer zusätzlichen Bedeutungsebene verlangt. Produziert wurde „Tender“ von Hänk Shizzo und Shirley Grimes selbst. Auch die beteiligten Musikerinnen und Musiker sind konkret benannt: André Pousaz spielt Kontrabass, Clemens Kuratle übernimmt Schlagzeug und Perkussion. Vera Kappeler und Wolfgang Zwiauer sind am Klavier zu hören, Michael Flury an der Posaune. Sophie Grimes und Finja Keogh steuern Backing Vocals bei. Einen familiären Sonderfall gibt es ebenfalls: Shirley Grimes’ Sohn Dylan singt mit seiner Mutter im Song „Fourteen Reasons“ ein Duett. Gerade diese Besetzung erklärt, weshalb die Arrangements trotz ihrer Zurückhaltung nicht auf ein starres Akustik-Schema festgelegt sind. Kontrabass, Klavier, Posaune, Perkussion und zusätzliche Stimmen eröffnen verschiedene Möglichkeiten, ohne die Songs mit Instrumenten vollzustellen. Entscheidend bleibt, was eine Komposition gerade braucht. Das passt zu einer Musikerin, deren eigener Weg früh mit irischer Folkmusik begann. Grimes wuchs in Killaloe im County Clare auf, schrieb bereits als Teenager eigene Songs und zog später mit ihrer Gitarre durch Europa. Ein Zwischenstopp in Bern veränderte schließlich ihre weitere Laufbahn. Dort lernte sie die Musiker Bänz Oester und Gilbert Paeffgen kennen. Aus dem geplanten kurzen Aufenthalt wurde eine neue Heimat, wenig später folgten ein Auftritt auf der Hauptbühne des Gurtenfestivals und das Debütalbum „Songs of Seas and Ferries“.

Mehr als drei Jahrzehnte später führt „Tender“ diese Geschichte nicht einfach nach bekanntem Muster weiter. Der lange Abstand zur vorherigen Veröffentlichung und die intensive Arbeit an Sprache und Ton haben ein Album hervorgebracht, dessen Konzentration in den Details liegt. Grimes interessiert sich für Perspektiven, die unbequem sein können. Machtmissbrauch lässt sich schließlich schwer glaubwürdig behandeln, wenn ein Song beim ersten unangenehmen Gedanken gleich wieder abbiegt. Gleiches gilt für Verlust oder Selbstbestimmung. Die Stücke lassen solche Themen stehen und verlangen Aufmerksamkeit, statt schnelle Antworten anzubieten. Dazu passt die Arbeitsweise im Studio: Hänk Shizzo und Grimes ordnen die musikalischen Mittel den jeweiligen Songs unter, zusätzliche Instrumente haben eine konkrete Funktion. Besonders spannend ist das im Kontext einer Künstlerin, deren Ausgangspunkt die irische Folk-Tradition war und deren Leben sie schließlich nach Bern führte. Folk dient hier nicht als nostalgische Kulisse, sondern als erzählerisches Fundament. Geschichten, Sprache und menschliche Erfahrungen bleiben entscheidend. Die Arbeit mit KULTUR AM BETTRAND hat diesen Blick um Begegnungen mit Menschen ergänzt, über deren Lebenssituationen häufig wenig gesprochen wird. Daraus ergibt sich eine Verbindung zwischen persönlicher Beobachtung und gesellschaftlichen Fragen, ohne dass „Tender“ daraus einfache Botschaften bastelt. Das Album bevorzugt Zwischentöne. Auch die Bedeutung des Titels passt genau dort hinein: Zärtlichkeit, Verletzlichkeit, Fürsorge und Beistand werden nicht als Gegenentwurf zu Stärke behandelt. Sie können selbst eine Form davon sein. Für Shirley Grimes bedeutet das nach acht Jahren ohne neue Veröffentlichung vor allem eines: Die richtigen Worte mussten nicht möglichst schnell gefunden werden. Sie mussten stimmen.
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