THÉA und Rebeka Warrior treffen bei „LÉTAL“ nicht zufällig aufeinander. Die französische Künstlerin bewegt sich mit ihrer Musik ohnehin zwischen Hyperpop, Punk, Rave und elektronischen Einflüssen, während Rebeka Warrior als Stimme von Sexy Sushi eng mit dem französischen Electroclash verbunden ist. Auf der gemeinsamen Single prallen diese Hintergründe nun direkt aufeinander: aggressiver Electroclash trifft auf Emo und Hyperpop, ohne dass die raueren Kanten für eine besonders bequeme Genre-Schublade abgeschliffen werden. „LÉTAL“ gehört zum kommenden THÉA-Album „POPSTAR SPEEDRUN“ und folgt damit einer Linie, die bereits Stücke wie „h4rdr0ck3r“ erkennen lassen. Mindestens genauso wichtig wie die musikalische Kombination ist allerdings das Thema. Der Song beschäftigt sich mit dem Nachtleben als Schutzraum für marginalisierte Menschen. Clubs und Partys erscheinen hier nicht bloß als Orte für Eskapismus und den nächsten Morgen mit fragwürdiger Erinnerungslage, sondern als Räume, in denen Menschen außerhalb einer als bedrohlich empfundenen Welt sie selbst sein können. Das gibt der Zusammenarbeit eine konkrete inhaltliche Basis. THÉA und Rebeka Warrior teilen nicht nur musikalische Berührungspunkte, sondern engagieren sich beide für queere und marginalisierte Menschen. Bei „LÉTAL“ fließen diese Ebenen in denselben Track ein.
Rebeka Warrior bringt dabei eine Geschichte mit, die weit über einen Gastauftritt hinausgeht. Mit Sexy Sushi gehört sie zu einem Act, der den französischen Electroclash geprägt hat. Über ihr Label WARRIORECORDS schafft sie zudem seit Jahren Raum für Außenseiterinnen und transfeministische Künstlerinnen. THÉA wiederum verknüpft ihre Arbeit als Musikerin mit gesellschaftlichen und politischen Themen. Als Transkünstlerin hat sie ihr künstlerisches Umfeld auch zu einem Ort gemacht, an dem Fragen nach Identität und gesellschaftlichem Zusammenleben nicht vom Pop getrennt werden. Bei „LÉTAL“ wird diese Verbindung besonders greifbar, weil das Nachtleben selbst zum Gegenstand des Songs wird. Gemeint ist jener Raum, in dem Menschen für einige Stunden Schutz vor einer Außenwelt finden können, die ihnen nicht dieselbe Freiheit zugesteht. Dass ausgerechnet Rebeka Warrior an diesem Stück beteiligt ist, passt deshalb sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Electroclash besitzt hier keine nostalgische Funktion und wird nicht als Retro-Zitat ausgestellt. Seine aggressive Direktheit trifft auf die offenere Verletzlichkeit von Emo und die überzeichneten elektronischen Mittel des Hyperpop. THÉA bewegt sich ohnehin zwischen diesen Polen. Mal sind ihre Songs melodischer angelegt, mal konfrontativer. „LÉTAL“ gehört klar zu jener Seite, bei der Reibung ausdrücklich erwünscht ist.
Innerhalb von „POPSTAR SPEEDRUN“ markiert „LÉTAL“ damit einen weiteren konkreten Punkt im musikalischen Universum von THÉA. Schon der Albumtitel spielt mit Popstar-Mechanismen und Beschleunigung, während die bisher bekannten Songs unterschiedliche Seiten ihrer Arbeit abbilden. „h4rdr0ck3r“ gehört zu den provokanter angelegten Stücken; die Zusammenarbeit mit Rebeka Warrior zieht nun Electroclash stärker nach vorn und verknüpft ihn mit Emo- und Hyperpop-Elementen. Parallel zur Single ist auch ein Video erschienen. Entscheidend bleibt jedoch die Geschichte des Songs: Nachtleben wird als Zufluchtsort verstanden, nicht als bloße Kulisse aus Licht, Lautstärke und verschwitzten Tanzflächen. Genau dort können Gemeinschaften entstehen, die außerhalb solcher Räume stärker unter gesellschaftlichem Druck stehen. Bei THÉA und Rebeka Warrior bekommt dieser Gedanke zusätzlich Gewicht, weil beide ihre Arbeit mit dem Schaffen solcher Räume verbinden. Das macht „LÉTAL“ zu einer Zusammenarbeit, deren Beteiligte nicht erst für den Song nach einem gemeinsamen Thema suchen mussten. Ihre jeweiligen künstlerischen und gesellschaftlichen Wege treffen bereits vorher an mehreren Stellen aufeinander. Musikalisch wird daraus eine ziemlich direkte Mischung aus Electroclash, Emo und Hyperpop. Inhaltlich geht es um Sicherheit, Zugehörigkeit und das Recht, ohne Versteckspiel man selbst zu sein. Und manchmal liegt dieser Ort eben nachts hinter einer Clubtür.
Video
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