Cover: Thomas Parzer - Federleicht
6/8
mix1 Bewertung

Thomas Parzer: „Federleicht“ hört aufs Bauchgefühl

Thomas Parzer hatte „Federleicht“ bereits fertig, als eine naheliegende Frage auftauchte: Was will er damit eigentlich sagen? Eine knappe Antwort wäre möglich, würde dem Gedanken hinter dem Song aber nicht gerecht. Nach „Heit“, „Luftschloss“, „Pudlnockat“ und „A Sommer daham“, die laut Parzer in österreichischen Radios gespielt wurden, wollte der Musiker bewusst einen Kontrapunkt schaffen. Musikalisch sollte es ruhiger werden, stilistisch gefühlvoll anders als bei den vorherigen Titeln. Der Ausgangspunkt von „Federleicht“ liegt beim eigenen Bauchgefühl. Parzer beschäftigt sich mit der Frage, wie oft man der persönlichen Wahrnehmung überhaupt noch vertraut und ob es manchmal sinnvoller ist, nicht sofort den nächsten Schritt machen zu wollen. Dazu passt bereits das sprachliche Spiel des Songs: „Federleicht – vielleicht“ trifft auf das Schwere, Uferloses auf Seichtes, ein großer See auf das, was darüber hinausgeht. Gegensätze werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern nebeneinandergestellt. Denn genau diese Unterschiede gehören für Parzer zur Wahrnehmung von Vielfalt. Ein Thema, für das er sich eine ziemlich naheliegende Kulisse ausgesucht hat: die Berge.

Berge dienen in „Federleicht“ als Metapher für unterschiedliche Perspektiven. Ihre Form mag dieselbe bleiben, ihr Gesicht kann sich trotzdem verändern. Wer wandert, kennt das Prinzip ohnehin aus eigener Erfahrung. Ein paar Meter weiter, nach einer Pause oder kurz vor dem Ziel sieht dieselbe Landschaft plötzlich anders aus. Manchmal lohnt sich auch der zusätzliche Blick um die Ecke. Parzer spricht in diesem Zusammenhang von Weite und Enge, die beide wahrgenommen und begriffen werden sollen. Damit führt der Song weg vom Gedanken, dass Bewegung automatisch Fortschritt bedeuten muss. Nicht immer sofort voranzukommen, kann ebenfalls seinen Sinn haben. Ruhe wird zum notwendigen Gegenstück einer Gesellschaft, in der Tempo häufig als Selbstzweck behandelt wird. Parzer bezieht diesen Gedanken ausdrücklich sowohl auf den Einzelnen als auch auf die Gemeinschaft. Seine Vorstellung davon schließt zudem eine KI-freie Umgebung ein. Eine durchaus bemerkenswerte Randnotiz in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz inzwischen an ziemlich vielen Stellen des Alltags auftaucht. „Federleicht“ plädiert stattdessen für etwas ausgesprochen Analoges: still werden, auf das eigene Gefühl hören und sich Zeit nehmen, bevor die nächste Richtung festgelegt wird. Kein kompliziertes Lebensmodell, eher eine Erinnerung daran, dass der innere Kompass gelegentlich Aufmerksamkeit braucht.

Auch sprachlich bleibt Thomas Parzer bei seiner vertrauten Mundart. Zeilen wie „Nimm dein Herz“, „Sei amoi stüh“ und „Horch auf dei Gefühl“ bringen den Gedanken des Songs ohne große Umwege auf den Punkt. Das Gefühl soll tragen, gerade an Tagen und in Zeiten, in denen Orientierung nicht selbstverständlich ist. Interessant wird „Federleicht“ vor allem durch den Zusammenhang mit Parzers vorherigen Veröffentlichungen. Der Musiker beschreibt das Stück selbst als bewussten Gegenpol zu „Heit“, „Luftschloss“, „Pudlnockat“ und „A Sommer daham“. Statt einfach nach demselben Muster weiterzumachen, suchte er eine ruhigere musikalische Richtung. Inhalt und musikalischer Ansatz greifen damit denselben Gedanken auf: Nicht automatisch weiterlaufen, nur weil man bereits unterwegs ist. Kurz stehen bleiben, schauen, vielleicht noch einmal die Perspektive wechseln. Selbst die Frage, ob es tatsächlich so schwer sein muss, ein schlichtes „Bitte, komm her!“ auszusprechen, passt in dieses Bild. Parzer formuliert in „Federleicht“ keine komplizierte Theorie über Selbstfindung. Er beschreibt vielmehr Beobachtungen, die beim Wandern ebenso funktionieren wie außerhalb der Berge: Pausen verändern den Blick, vermeintlich Bekanntes kann von einer anderen Seite anders aussehen, und nicht jede Entscheidung muss sofort getroffen werden. Dass ausgerechnet ein Song über das Vertrauen ins eigene Bauchgefühl erst nach seiner Fertigstellung die Frage nach seiner Botschaft aufwarf, hat dabei einen gewissen Charme. Vielleicht musste Parzer selbst erst noch einmal ums Eck schauen.
Anzeige

Musik-Newsletter