Cover: van Kraut - atmen
6/8
Eigene Redaktionseinschätzung
Album

atmen

van Kraut

Kategorie: Pop | Pop / Rock national
Veröffentlichung: 10.04.2026
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van Kraut liefert kluges Album "atmen" über unsere Zeit

Das neue Album von van Kraut ist definitiv nichts für den Soundtrack einer Sommerparty. Stattdessen liefert das Projekt um Christoph Kohlhöfer eine ziemlich eindringliche Mischung aus Indie-Rock, Post-Punk und einem Sound, der irgendwo zwischen Hamburger Schule und moderner Gitarrenmelancholie liegt. Es ist das mittlerweile dritte Album – oder das vierte, wenn man das Mini-Album davor mitzählt – und zeigt einmal mehr, wie viel Atmosphäre eine fast allein arbeitende Band erzeugen kann. Der Clou: Obwohl die Themen ziemlich düster sind, merkt man das am Anfang gar nicht so stark. Der Einstieg wirkt sogar überraschend beschwingt. Doch je länger man zuhört, desto klarer wird: Hinter den Songs steckt ein ziemlich genauer Blick auf eine Gesellschaft, in der vieles aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Der Opener „Späne“ legt diese Richtung direkt fest. Musikalisch leichtfüßig, textlich ziemlich bissig. Die Metapher ist simpel: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Nur dass diese Späne hier nicht Holz sind, sondern das Menschliche – Beziehungen, Empathie, alles, was sich nicht so leicht verkaufen lässt. Der Song spielt mit der Idee, dass Hyperindividualismus längst zum Lifestyle geworden ist. Authentizität wirkt plötzlich wie ein Produkt, das sich gut vermarkten lässt. Ein jazzig dazwischenfunkendes Saxofon sorgt dabei für eine gewisse Irritation im Sound, fast so, als würde die Musik selbst kurz stolpern. Dieses kleine Chaos passt perfekt zur Aussage des Stücks. Denn der berühmte Homo oeconomicus scheint sich längst tief in den Homo emotionalis hineingearbeitet zu haben. Innerer Druck und äußerer Leistungszwang verschwimmen immer stärker miteinander. Songs wie „Zuckerguss“, „Filtern“ oder „Nicht mehr über Los“ greifen genau dieses Gefühl auf. Egal, wie viele Filter man über die eigene Realität legt – ein Rest Leere bleibt. Wenn dann im Text die Zeile auftaucht „alles, was ich bin, ist Widerspruch / alles, was ich bin, ist nie genug“, wird klar, dass es hier um mehr geht als persönliche Unsicherheit. Es geht um ein System, das ständig nach mehr verlangt.

Besonders spannend ist, wie van Kraut das Private und das Gesellschaftliche miteinander verschränkt. „Auch Scherben spiegeln“ wirkt auf den ersten Blick wie ein Song über eine kaputte Beziehung. Doch eigentlich geht es um Kommunikation, die längst aus der Balance geraten ist. „Jedes Mal, wenn wir schreien, geht wieder irgendwas verloren“, singt Kohlhöfer – und dieses „Irgendwas“ steht ziemlich offensichtlich für Respekt und gegenseitige Achtung. Später wird der Blick noch größer. „Ein Riss im Fundament“ beschreibt eine Gesellschaft, die sich immer stärker über Empörung definiert. Laut sein verkauft sich gut, differenzierte Gespräche eher weniger. Gleichzeitig gibt es aber auch Momente der stilleren Reflexion. „Teilhaben“ skizziert fast wortlos die Perspektive eines Außenstehenden, der einfach dazugehören möchte. „Leeres Licht“ gehört zu den persönlichsten Momenten des Albums und erzählt von Verwirrung, Distanz und Schlaflosigkeit. Direkt danach kippt „Melatonin“ in eine nervöse Unruhe. Das emotionale Zentrum bildet schließlich „atmen“: ein minimalistischer Zwei-Akkorde-Song, der sich über mehrere Minuten langsam entfaltet. „atmen gegen Druck / atmen gegen Furcht“ – mehr braucht es kaum, um das Grundgefühl des Albums zu beschreiben. Denn bei van Kraut ist das Private nie komplett privat. Es steht immer im Zusammenhang mit den Verhältnissen draußen – und die, um es mit einem berühmten Theaterzitat zu sagen, sind eben nicht so.

Tracklist

01 Späne 02:51
02 Nicht mehr über Los 03:15
03 Auch Scherben spiegeln 03:47
04 Den Kaffee hab ich echt vermisst 03:51
05 Teilhaben 05:03
06 Ein Riss im Fundament 03:17
07 Leeres Licht 04:29
08 Melatonin 02:48
09 Atmen 05:46