Die Texte zu „The Rolling Stones. On Tour“ stammen vom Musikjournalisten Paul Sexton. Statt die Bilder lediglich mit Jahreszahlen und Orten zu versehen, zieht er verschiedene Quellen heran. Zeitgenössische Kritiken und Augenzeugenberichte gehören ebenso dazu wie Originalinterviews mit Mick Jagger, Keith Richards, Ronnie Wood und Charlie Watts. Dadurch lässt sich die Konzertkarriere der Rolling Stones aus mehreren Blickwinkeln verfolgen: aus Sicht der Musiker, durch die Reaktionen vor Ort und anhand dessen, was Presse und Publikum zu unterschiedlichen Zeitpunkten über die Shows schrieben. Das ist gerade bei einer Band interessant, deren Bühnengeschichte mehrere Generationen Konzertkultur umfasst. Was in britischen Clubs seinen Anfang nahm, wurde später zur internationalen Großproduktion. Bühnen wurden größer, technische Möglichkeiten aufwendiger, Tourneen länger und die Zahl der Zuschauer entsprechend üppiger. Gleichzeitig blieb das Konzert ein zentraler Bestandteil der Bandidentität. Der Bildband dokumentiert diesen Wandel über Material, das unmittelbar aus dem Touralltag stammt. Ein Backstage-Pass erzählt naturgemäß eine andere Geschichte als ein perfekt ausgeleuchtetes Konzertfoto, eine Eintrittskarte wiederum eine andere als ein Tourplakat. Zusammengenommen entsteht eine Art visuelles Tourarchiv, bei dem nicht nur Mick Jagger im Scheinwerferlicht interessant ist. Auch das Drumherum bekommt Platz – und genau dort verstecken sich bei einer derart langen Bandkarriere oft die Details, die man nicht schon hundertmal gesehen hat.
Bemerkenswert ist vor allem die zeitliche Spannweite. „The Rolling Stones. On Tour“ behandelt keine einzelne Tournee und auch keine bestimmte Hochphase, sondern verfolgt den Weg von den Anfängen bis zu den jüngsten Stadionkonzerten. Damit wird neben der Bandgeschichte zwangsläufig auch ein Stück Entwicklung der Live-Musik sichtbar. Die Rolling Stones haben Jahrzehnte erlebt, in denen sich Konzerttechnik, Bühneninszenierung, Vermarktung und Dimensionen des Tourbetriebs grundlegend verändert haben. Mick Jagger, Keith Richards, Ronnie Wood und der verstorbene Charlie Watts erscheinen in diesem Zusammenhang nicht bloß als bekannte Gesichter auf Konzertfotos. Ihre Aussagen geben dem Archivmaterial zusätzlichen Kontext und führen näher an das Leben unterwegs heran. Für Leser, die sich speziell für die Rolling Stones interessieren, steckt der Reiz natürlich in der Dichte des Materials. Wer allgemeiner auf Rockgeschichte schaut, bekommt zugleich Anschauungsmaterial dafür, wie aus Clubkonzerten jene riesigen Tourproduktionen wurden, die heute selbstverständlich wirken. Dass dafür auf die Archive der Band zurückgegriffen werden konnte, ist mehr als eine nette Fußnote. Eintrittskarten, Pässe, Plakate und seltene Fotografien sind Zeitdokumente, an denen sich Veränderungen konkret ablesen lassen. So erzählt „On Tour“ die Geschichte der Rolling Stones nicht vom Mischpult eines Studios aus, sondern dort, wo über Jahrzehnte Abend für Abend der entscheidende Teil ihrer Karriere stattfand: vor Publikum.