Amrum, Nordsee, Wind von der Seite und ein Junge, der schneller erwachsen werden muss, als ihm lieb ist. In Amrum begleitet man den zwölfjährigen Nanning durch die letzten Kriegstage – und das klingt erstmal nach Geschichtsunterricht, fühlt sich aber eher wie ein sehr persönlicher Survival-Trip an. Seehundjagd im eiskalten Wasser, nächtliches Fischen mit klammen Fingern, tagsüber schuften auf dem Acker: Der Junge macht alles, um seiner Mutter zu helfen und irgendwie Essen auf den Tisch zu bringen. Kindheit? Findet zwischen Ebbe und Existenzangst nur in Mini-Momenten statt. Regisseur Fatih Akin erzählt das ohne Pathos-Overkill, dafür mit viel Blick fürs Detail – man riecht förmlich das Salz in der Luft und den Mangel in jeder Szene.
Mit dem ersehnten Frieden wird es dann nicht leichter, sondern komplizierter. Plötzlich geht es nicht mehr nur ums Überleben, sondern um Schuld, Scham und die Frage: Wer war hier eigentlich auf welcher Seite? Für Nanning heißt das, dass die Welt nicht automatisch heller wird, nur weil die Waffen schweigen. Seine Mutter, gespielt von Diane Kruger, trägt die Erschöpfung dieser Jahre im Gesicht, während Laura Tonke eine weitere starke Frauenfigur verkörpert, die zwischen Neuanfang und alten Wunden balanciert. Beide geben dem Film eine emotionale Erdung, die nie kitschig wird. Statt großer Reden gibt’s Blicke, die mehr sagen als jedes Drehbuchzitat. Und Nanning? Der steht mittendrin und merkt langsam, dass Frieden nicht bedeutet, dass alle Probleme verschwinden – sondern dass neue auftauchen, für die es keinen Spaten und kein Fischernetz gibt.
Was „Amrum“ besonders macht, ist dieser Mix aus rauer Insel-Atmosphäre und intimem Coming-of-Age. Das Meer ist hier nicht nur Kulisse, sondern Spiegel für das Innenleben der Figuren: mal ruhig, mal bedrohlich, immer unberechenbar. Akin, den viele noch mit Tschick verbinden, schlägt diesmal leisere Töne an. Kein Roadtrip, sondern ein innerer Weg, kein Abenteuer im klassischen Sinn, sondern ein Erwachsenwerden unter Extrembedingungen. Der Film zeigt, wie sich Moral verschiebt, wenn Hunger größer ist als Ideale – und wie ein Junge lernen muss, eigene Entscheidungen zu treffen, selbst wenn die Erwachsenen selbst kaum Orientierung haben. Das ist schwerer Stoff, aber so erzählt, dass man dranbleibt. Kein Geschichtsdrama von oben herab, sondern eine Geschichte auf Augenhöhe mit einem Kind, das viel zu früh lernen muss, was Verantwortung wirklich bedeutet.