„Tastes Like Summer“: Sommer, Flirt und schwarzer Humor
Ein Sprung ins kühle Wasser, ein bisschen Romantik und eine Band, die hörbar weiß, was sie tut: James Blunt nimmt sich in „Tastes Like Summer“ ziemlich zielgenau jene Zutaten vor, die zu langen Tagen, warmen Nächten und spontanen Urlaubsflirts passen. Inhaltlich geht es um zwei Dinge, die der britische Singer-Songwriter selbst denkbar unkompliziert zusammenfasst: die Freude am Sommer und die Freude daran, sich zu jemandem hingezogen zu fühlen. Mehr komplizierte Theorie braucht es an dieser Stelle tatsächlich nicht. Geschrieben hat Blunt den Song gemeinsam mit Richard Parkhouse und George Tizzard, besser bekannt als das Produzenten- und Songwriter-Duo Red Triangle. Die beiden übernahmen auch die Produktion und bringen reichlich Studioerfahrung aus Zusammenarbeiten mit Bastille, Sabrina Carpenter, Yungblud und David Guetta mit. Für die Aufnahmen blieb Blunt in Großbritannien. Eingespielt wurde in den Pig Music Studios in Banbury sowie im The Beach in Dorset. Einen wichtigen Anteil am Klang hat seine eingespielte Liveband. Dadurch bekommt die Nummer einen direkten Bandcharakter, der gut zu ihrem sommerlichen Grundgedanken passt. Die Single erscheint über Atlantic Records, jenes Label, mit dem Blunt bereits seit langer Zeit zusammenarbeitet. Inhaltlich hält er die Sache bewusst überschaubar: Sommer, Anziehung, Haut, Nähe. Keine verschachtelte Geschichte, sondern eine Situation, die vermutlich schon nach wenigen Sekunden verstanden ist. Der entscheidende Satz lautet „Your skin tastes like summer“. Klingt zunächst nach ziemlich klassischer Sommerromantik. Wer allerdings James Blunts Humor kennt, dürfte zumindest damit rechnen, dass die Angelegenheit nicht vollständig bei Sonnenuntergang und Meerblick bleibt.
Genau an diesem Punkt übernimmt das Musikvideo und zerlegt die hübsche Ferienkulisse genüsslich. Regisseur Jack Howard verlegt die Handlung nach Ibiza, wo zunächst alles nach der passenden visuellen Begleitung für einen sommerlichen Song aussieht. Insel, Wärme, romantische Vorzeichen – Checkliste erledigt. Dann biegt das Video allerdings in eine deutlich finsterere Richtung ab. Die vermeintliche Sommerromanze entwickelt sich zu einem Albtraum, dessen Bildsprache von A24-Horrorfilmen inspiriert ist. James Blunt landet bei einem unerwarteten Dinner für eine Person. Was dort auf der Speisekarte steht beziehungsweise wie wörtlich man den Begriff „Geschmack“ nehmen sollte, hinterfragt man besser nicht während des Essens. Damit bekommt die Textzeile über Haut, die nach Sommer schmeckt, eine ziemlich makabre zweite Bedeutung. Blunt selbst kommentiert den Gag entsprechend trocken: Im Text heiße es „Your skin tastes like summer“ – und tatsächlich habe „er“ danach geschmeckt. Mehr Erklärung würde dem schwarzen Humor vermutlich eher schaden. Interessant ist vor allem der Kontrast: Der Song arbeitet mit Sommer, körperlicher Anziehung und einer leicht zugänglichen Melodie, während das Video diese Vorlage nimmt und konsequent in Horror kippen lässt. Aus einem romantischen Bild wird plötzlich etwas buchstäblich Geschmackloses – beziehungsweise, je nach Perspektive, erschreckend geschmackvolles. Diese Brechung verhindert, dass „Tastes Like Summer“ visuell bei den üblichen Bildern aus Strand, Sonnenlicht und verliebten Blicken hängen bleibt. Ibiza dient hier nicht einfach als Urlaubskulisse. Die Insel wird zur Bühne für eine Geschichte, bei der man relativ schnell merkt, dass dieser Abend anders endet als eine durchschnittliche Ferienbekanntschaft.
Auch hinter den Kulissen ist „Tastes Like Summer“ klar als Gemeinschaftsarbeit angelegt. Blunt schrieb den Titel mit Red Triangle, Parkhouse und Tizzard produzierten anschließend die Aufnahme. Das Duo hat zuvor mit Künstlern aus unterschiedlichen Pop-Spielarten gearbeitet, von Bastille und Sabrina Carpenter bis Yungblud und David Guetta. Hinzu kommt Blunts Liveband, deren Zusammenspiel dem Stück eine andere Grundlage gibt als eine ausschließlich am Rechner konstruierte Sommerproduktion. Der Song bleibt dabei eng an seiner zentralen Idee: Die Anziehung zu einem Menschen wird mit dem Gefühl eines guten Sommers zusammengedacht. Blunt formuliert das selbst ohne großes Rätselraten. Gerade diese einfache Ausgangslage gibt dem Video genug Platz, um komplett in die Gegenrichtung zu marschieren. Während die Musik nach kühlem Wasser, Wärme und Ferienflirt klingt, wartet Jack Howards Ibiza-Geschichte mit einem ziemlich schwarzen Schlussgedanken auf. Das passt auch zu Blunts bekannter Vorliebe für trockene Selbstkommentare: Statt die romantische Textzeile im Nachhinein feierlich zu erklären, nimmt er sie beim Wort und macht daraus eine Pointe mit Horrorbeilage. So treffen bei „Tastes Like Summer“ mehrere Ebenen aufeinander, ohne dass der Song selbst unnötig kompliziert werden muss. Red Triangle verantwortet Produktion und Co-Writing, Blunts Liveband spielt die Nummer ein, zwei britische Studios dienen als Aufnahmeorte und Atlantic Records übernimmt die Veröffentlichung. Das Video setzt anschließend Ibiza auf die Rechnung und bestellt A24-Horror zum Dessert. Wer beim Satz „Your skin tastes like summer“ zunächst an einen harmlosen Flirt gedacht hat, lag also nicht komplett daneben. Nur sollte man bei James Blunt offenbar besser vorher fragen, wie wörtlich solche Zeilen gemeint sind.