Cover: Julia Lindholm - Taxi nach Paris
7/8
mix1 Bewertung

Julia Lindholm covert „Taxi nach Paris“

Ein Taxi nach Paris? Aus heutiger Sicht vermutlich eine Fahrt, bei der spätestens der Blick aufs Taxameter für leichte Nervosität sorgt. Als Songidee funktioniert die Sache deutlich besser. Julia Lindholm hat sich „Taxi nach Paris“ vorgenommen, den bekannten Titel der deutschen Band Felix de Luxe. Das Original stammt aus einer Zeit, die lange vor Lindholms eigener musikalischer Laufbahn liegt; die Sängerin selbst wurde zehn Jahre nach dem Originalsong geboren. Für ihre Version geht es allerdings weniger um Retro-Nostalgie als um den Kern des Textes. „Taxi nach Paris“ handelt vom Wunsch, auszubrechen, loszulassen und irgendwann nicht mehr sämtliche vernünftigen Argumente durchzukauen, sondern dem eigenen Herzen zu folgen. Paris ist dabei das Ziel einer spontanen Flucht aus dem Gewohnten. Genau diese Grundidee soll auch in Lindholms Interpretation erhalten bleiben. Sie behandelt den Titel nicht als Material für einen kompletten inhaltlichen Umbau, sondern nähert sich dem bekannten Stück mit Respekt vor seiner ursprünglichen Aussage. Im Zentrum ihrer Fassung bleibt damit jene Sehnsucht, die bereits Felix de Luxe zum Thema gemacht haben: weg aus dem Alltag, wenigstens für einen Moment. Dass sich eine Sängerin einer anderen Generation dieses Stück aussucht, ist dabei durchaus bemerkenswert. Schließlich liegen zwischen Original und Neuinterpretation nicht nur verschiedene Phasen der deutschen Popmusik, sondern auch unterschiedliche Hörgewohnheiten.

Julia Lindholm soll bei ihrer Aufnahme bewusst die Grundstimmung des Originals bewahren und dem Song gleichzeitig eine persönliche Färbung geben. Als wichtigstes Werkzeug dient ihr dabei ihre warme Stimme. Weitergehende Angaben zu Arrangement, Instrumentierung, Studio oder Produktion liegen in der Vorlage nicht vor. Deshalb wäre es müßig, dem Cover irgendwelche musikalischen Umbauten anzudichten, die gar nicht dokumentiert sind. Klar benannt ist dagegen Lindholms Ansatz: keine respektlose Komplettsanierung eines bekannten Titels, sondern eine Interpretation, die dessen ursprüngliche Idee in die Gegenwart holen möchte. Gerade bei einem Song wie „Taxi nach Paris“ ist das nachvollziehbar. Die Geschichte benötigt keine zeitgebundene Technik, keine bestimmten Orte des Nachtlebens und keine Erklärung historischer Umstände, um verstanden zu werden. Sie lebt von einem ziemlich simplen Impuls: einfach weg. Nicht für immer und nicht zwingend mit ausgefeiltem Reiseplan. Hauptsache raus aus der üblichen Ordnung und dorthin, wo sich das Leben für einen Augenblick weniger vorhersehbar anfühlt. Paris funktioniert in diesem Zusammenhang als konkretes Ziel und gleichzeitig als Projektionsfläche für Spontaneität und Freiheit. Dass diese Idee auch Jahrzehnte nach dem Felix-de-Luxe-Original noch verständlich ist, dürfte einer der Gründe sein, weshalb Lindholm den Titel neu aufgenommen hat.

Coverversionen bekannter deutscher Popsongs haben grundsätzlich ein kleines Problem: Das Original sitzt bei vielen Hörern längst fest im Kopf. Wer einen solchen Titel neu singt, tritt automatisch in einen Vergleich ein, ob beabsichtigt oder nicht. Julia Lindholm versucht bei „Taxi nach Paris“ deshalb offenbar nicht, die Vergangenheit aus dem Rückspiegel zu drängen. Ihre Interpretation versteht sich vielmehr als Verneigung vor Felix de Luxe und dem Song selbst. Das ist ein wichtiger Unterschied. Statt den bekannten Namen lediglich als Ausgangspunkt zu benutzen, bleibt die ursprüngliche Botschaft erhalten und bekommt durch Lindholms Stimme eine andere persönliche Perspektive. Hinzu kommt der Generationenwechsel: Das Original existierte bereits zehn Jahre, bevor Julia Lindholm geboren wurde. Nun singt sie selbst von diesem spontanen Aufbruch nach Paris. An der grundlegenden Sehnsucht hat sich offenbar wenig geändert. Menschen wollen noch immer gelegentlich aus Routinen verschwinden, Verpflichtungen vergessen und etwas tun, das nicht vorher drei Wochen im Kalender abgestimmt wurde. Nur die tatsächliche Taxifahrt über mehrere hundert Kilometer sollte man vielleicht weiterhin kurz durchrechnen. Musikalisch bleibt „Taxi nach Paris“ in Lindholms Version vor allem eine Begegnung mit einem Stück deutscher Popgeschichte. Nicht als Museumsexponat, sondern als Song, dessen zentrale Idee auch für eine jüngere Interpretation genügend Stoff bietet.
Anzeige

Musik-Newsletter