Kopf oder Herz? MELIA macht auf ihrem zweiten Album „Herz voraus“ aus dieser alten Streitfrage kein großes Rätsel. Das Herz bekommt einen kleinen Vorsprung, der Kopf darf aber offenbar trotzdem mitkommen. 14 Songs versammelt die Sängerin vom Bodensee auf dem Nachfolger von „Ozeanherz“. Inhaltlich reicht die Strecke von Liebe und Selbstzweifeln über Aufbruch und Freiheit bis zu Sommernächten und persönlichen Erfahrungen, die deutlich schwerer wiegen. Der Einstieg mit „Da war immer Musik“ führt zunächst zurück zu MELIAs Anfängen. Die Ballade erzählt vom Bürsten-Mikrofon in der Kindheit, von frühen Träumen und davon, wie Musik über Jahre zum Begleiter durch Zweifel, Rückschläge und gute Zeiten wurde. Mit „Der schönste Teil von mir“ folgt ein bereits vorab veröffentlichter Titel über Selbstzweifel und den Einfluss eines Menschen, der dabei hilft, die eigenen Stärken wahrzunehmen. Geschrieben wurde der Song von Alexs White, Alexander Strasser-Hain, Alexander Scholz und Tom Marquardt. Deutlich unruhiger wird die Beziehungslage in „Wenn das die letzte Nacht ist“. Eine Affäre nähert sich ihrem Ende, das One-Way-Ticket liegt bereit und ein gemeinsames Morgen scheint nicht vorgesehen. Statt die verbleibenden Stunden mit Grundsatzdiskussionen zu verbringen, konzentriert sich das Paar auf die letzte gemeinsame Nacht. Der Uptempo-Rahmen steht dabei bewusst neben einer Geschichte, deren Ausgang längst feststeht.
Das Motiv, nicht ewig auf irgendwann zu warten, zieht sich durch mehrere Stücke. „Wenn nicht jetzt“ räumt Pläne und Sorgen kurz beiseite und erinnert an Zeiten, in denen Spontaneität wichtiger war als die perfekte Vorbereitung. „Hier“ beschreibt anschließend das Ankommen bei sich selbst und bei einem geliebten Menschen, während „Nur mit dir“ eine Partnerschaft als gemeinsamen Weg erzählt. In „Nur mit einem Hallo“ genügt wiederum eine einzige Begegnung, um Einsamkeit und Leere aufzubrechen. Ein beiläufiges Hallo mit ziemlich großen Folgekosten fürs Herz also. „Ich träum wie du“ nimmt einen Menschen in den Blick, der sich trotz schwieriger Zeiten seine eigene bunte Welt und seine Träume bewahrt. Mit „Bist du dabei?“ wird daraus wieder Bewegung: Der Uptempo-Song basiert auch auf MELIAs eigener Erfahrung, sich manchmal selbst im Weg zu stehen. „Mehr lieben, mehr leben!“ lautet eine der zentralen Zeilen. Wesentlich ernster wird es bei „Dann flieg“. MELIA verarbeitet darin eigene Erfahrungen mit Gewalt in einer Beziehung und den schwierigen Weg zurück zu Selbstvertrauen und Freiheit. Der Song beschreibt Loslassen und Neuanfang nicht aus sicherer Distanz, sondern vor einem persönlichen Hintergrund. Ein treibender Beat begleitet diese Entwicklung. Dadurch bekommt das Album an dieser Stelle eine biografische Schwere, die sich klar von den leichteren Geschichten der übrigen Tracklist unterscheidet.
Dass „Herz voraus“ trotzdem reichlich Platz für unbeschwertere Momente lässt, hört man spätestens bei „Heißer Sommer“. Schlagerpop trifft dort auf Samba-Rhythmus, während Strand, warmer Sand, Meeresrauschen, Mojito, Tanz und erste Küsse die Szenerie bestimmen. „Mein Herz auf Papier“ wechselt anschließend zurück zur Frage, wie offen man in einer Beziehung mit den eigenen Gefühlen umgeht. Das Bild des schriftlich festgehaltenen Herzens steht für den Wunsch nach Klarheit und Verbindlichkeit; „Alles auf Rot, ich riskier’s“ beschreibt Liebe zugleich als bewusste Entscheidung mit offenem Ausgang. Bei „So lange ich liebe“ wird Freiheit zum zentralen Thema. Produziert wurde der Titel von Alexs White und Alexander Strasser, als Autoren werden Caroline von Brünken, Tobias Langer und Daniel Americo Barbosa genannt. Der Song markierte nach einer Schaffenspause zugleich MELIAs musikalisches Comeback. Ganz am Ende zieht das Album überraschend die Winterjacke an: „Hörst du das auch?“ beendet die 14 Songs als Ballade mit weihnachtlichem Einschlag. Eine spieluhrartige Piano-Melodie und dezentes Schlagzeug begleiten Erinnerungen an Weihnachten aus Kindertagen und kleine gemeinsame Momente. Vom Bürsten-Mikrofon bis zum Weihnachtszimmer ist das ein ziemlich weiter Bogen. Zusammengehalten wird er durch MELIAs wiederkehrende Themen: nicht alles auf später verschieben, eigene Zweifel ernst nehmen, nach Rückschlägen neu anfangen und Entscheidungen auch einmal dem Gefühl überlassen. „Herz voraus“ erzählt diese Haltung nicht in einer einzigen großen Geschichte. Das Album zerlegt sie in 14 Situationen – manche leicht, manche romantisch und mindestens eine sehr persönlich und schmerzhaft. Gerade dadurch wird verständlich, was der Titel meint: nicht blindlings losrennen, sondern dem eigenen Gefühl ein Stück mehr Platz geben.