Bei Nicole ließe sich ein Karriere-Rückblick ziemlich bequem mit den großen Hits bestücken. „Ein bisschen Frieden“, „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund“, „Papillon“, „Ein leises Lied“, „Mit dir vielleicht“, „Allein in Griechenland“ oder „Ich bin zurück“ – Material wäre reichlich vorhanden. „Meine Schätze“ nimmt nach 45 Bühnenjahren allerdings einen persönlicheren Weg und ist ausdrücklich nicht als klassisches Best-of gedacht. Nicole hat dafür Songs aus verschiedenen Phasen ihrer Laufbahn ausgewählt, die sie selbst geprägt, begleitet oder inspiriert haben. Teilweise entstanden neue Akustikarrangements. Dazu kommt ihre Interpretation des Don-McLean-Klassikers „And I Love You So“. Der Rückblick bleibt also nicht beim Abhaken bekannter Stationen stehen. Stattdessen schaut Nicole darauf, welche Stücke für sie selbst Gewicht besitzen. Das passt zu einer Sängerin, deren Laufbahn zwar jede Menge große Zahlen hergibt, deren Musik aber immer wieder sehr persönliche Themen aufgenommen hat. „Ein bisschen Frieden“ brachte Millionenverkäufe und hohe Chartplatzierungen in Europa. Später folgten rund zwei Dutzend weitere Longplayer, elf Goldene Stimmgabeln und 17 erste Plätze in der ZDF-Hitparade. Hinzu kamen die Zweitplatzierung beim World Popular Song Festival in Tokio, ein ECHO Pop, mehrere Goldene Europa und ein smago! Award. Auch „Carpe Diem“ schaffte den Einstieg in die Charts. Zahlen genug also. Bei „Meine Schätze“ geht es trotzdem nicht darum, die Vitrine noch einmal gründlich abzustauben.
Produziert wurde das Album von Achim Meier, Zoran Grujovski und Jens Carstens. Für die Aufnahmen kamen außerdem Streicher des F.A.M.E.'S. Skopje Studio Orchestra zum Einsatz. Klanglich bewegt sich das Material zwischen Folk, Pop und Schlager, wobei gerade die teilweise neu arrangierten Akustikfassungen bekannte Songs aus einem anderen Blickwinkel hörbar machen sollen. Ein weiterer wichtiger Punkt der Produktion ist der bewusste Einsatz realer Musiker und Instrumente. Auf künstliche Intelligenz wurde bei der musikalischen Umsetzung verzichtet; handgespielte Parts und klassische Studioarbeit bilden die Grundlage. Konkreter wird das Projekt auch durch die Gästeliste. Nicole hat für „Meine Schätze“ mehrere langjährige Kollegen und Weggefährten ins Boot geholt: Heinz Rudolf Kunze, John Kelly, Johnny Logan, Nino de Angelo und Mickie Krause wirken mit. Allein diese Namen lassen bereits erkennen, dass sich das Album nicht sauber in eine einzige Ecke des deutschsprachigen Musikbetriebs stellen lässt. Besonders interessant ist dabei der Gegensatz zwischen dem orchestralen Anteil, den Akustikversionen und den unterschiedlichen musikalischen Hintergründen der Gäste. Das Album blickt damit zwar zurück, behandelt das vorhandene Material aber nicht wie unveränderliche Archivware. Ausgangspunkt bleiben Songs aus 45 Jahren, die für die heutige Aufnahme teilweise neu angefasst wurden. Vorangestellt wurde „Ich will mehr“, ein Titel, dessen Blick ausdrücklich nach vorne geht und damit einen Gegenpol zum Rückschau-Charakter des Albums bildet.
Dass Nicole ihre eigene Geschichte nicht ausschließlich über Erfolge erzählt, hat zudem einen sehr persönlichen Hintergrund. In ihren neueren Songs verarbeitet sie Erfahrungen und Sichtweisen, die eng mit ihrem Leben verbunden sind. Dazu gehört auch ihr schwerer Kampf gegen eine Krankheit. Mit ihrer Musik möchte sie anderen Menschen Mut geben und vermitteln, dass sich Kämpfen auch dann lohnt, wenn eine Situation zunächst kaum zu bewältigen scheint. Dieser biografische Zusammenhang gibt dem Gedanken hinter „Meine Schätze“ eine zusätzliche Ebene: Nach viereinhalb Jahrzehnten auf der Bühne geht es nicht nur darum, was einmal war, sondern auch darum, welche Lieder geblieben sind und warum sie heute noch eine Rolle spielen. Hoffnung, Zuversicht und Lebensfreude ziehen sich laut Albumkonzept durch die Auswahl. Dabei trifft die lange Karriere auf eine Produktion, die bewusst mit Musikern, Instrumenten, Streichern und neuen Arrangements arbeitet. Nicole kann für dieses Projekt auf einen Katalog zurückgreifen, der vom europaweiten Erfolg „
Ein bisschen Frieden“ bis zu jüngeren Veröffentlichungen wie „
Carpe Diem“ reicht. Trotzdem wird „Meine Schätze“ nicht als vollständige Chronik angelegt. Es ist ihre Auswahl. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu einer gewöhnlichen Hitsammlung. Wer ausschließlich die bekannten Singles in historischer Reihenfolge erwartet, bekommt also eine andere Platte. Nicole sortiert ihre 45 Bühnenjahre nicht nach Chartpositionen, sondern nach persönlicher Bedeutung – und nach so langer Karriere darf man das eigene Archiv wohl auch einmal nach anderen Kriterien aufräumen.