Wanted Inc. feiern 20 Jahre Thrash nicht mit Rückspiegel-Romantik, sondern mit einem Neuaufnahme-Statement, das klingt, als hätte man die eigene Vergangenheit einmal quer über die Bühnenkante gezogen: „Resurgence“ bündelt ausgewählte Songs aus dem bisherigen Schaffen, neu eingespielt mit der aktuellen Besetzung – und genau darin liegt die Pointe. Das hier ist kein „Best-of“ zum Abhaken, sondern eine Re-Behauptung: Diese Band will nicht nur erinnern, sie will beweisen, dass das Material heute schärfer beißt als damals.
losen Performance durch die Tracks führt. Seine Stimme sitzt zwischen Thrash-Biss und trockenem Metal-Drive und bleibt dabei erstaunlich kontrolliert – nicht als Schönklang, sondern als gezielte Ansage. An den Gitarren liefern Daniel Feuerer und Hermann Weiß das, was Thrash im Idealfall ausmacht: messerscharfe Rhythmusarbeit, saubere Stops, Riffs mit Grip – und Soli, die nicht nur „oben drauf“ passieren, sondern melodische Bögen setzen, wenn der Song Luft braucht. Untenrum hält Heiko Fred Böhm den Bass nicht als Beiwerk, sondern als tragenden Teil des Fundaments, während Hannes Waschler am Schlagzeug die Maschine antreibt: präzise, schnell, energisch – und vor allem so gespielt, dass die Songs nicht in Tempo ertrinken, sondern in Spannung gewinnen.
Die klangliche Klammer ist dabei unüberhörbar professionell: Gemischt und gemastert von Mike Stöckl. Das Ergebnis wirkt druckvoll und klar konturiert, ohne die rohe Kante zu entschärfen. Gitarren schneiden, die Drums treten durch, der Bass bleibt definierbar – und trotzdem fühlt sich das Ganze nicht klinisch an. Diese Balance ist im Genre Gold wert: Thrash lebt von Aggression, aber Aggression braucht Lesbarkeit, sonst wird aus Wut nur Lärm.
Inhaltlich dockt „Resurgence“ an der klassischen Stärke von Wanted Inc. an: persönliche Abgründe, Grenzerfahrungen und gesellschaftliche Brandherde, frontal adressiert. Der Opener „Dead For The First Time“ zeichnet eine Zwischenwelt aus Tod, Wiederkehr und Identitätsverlust – als paranormale Erzählung funktioniert das sofort, aber noch stärker wirkt der Song als Spiegel für eine reale Band-Phase, in der Stillstand und Auflösungsangst greifbar waren. Das macht ihn zur idealen Tür in diesen Release: düster, suchend, gleichzeitig antreibend.
„Defective“ richtet den Blick nach innen und beschreibt den schleichenden Kontrollverlust einer persönlichen Krise: nicht der eine Knall, sondern das langsame Wegkippen von Sicherheit, das Zermürbende, das sich irgendwann wie ein Käfig anfühlt. Genau hier punkten Wanted Inc. mit Arrangement-Disziplin: Die Spannungsbögen werden nicht überfrachtet, sondern sauber gebaut – und das lässt die Inhalte härter wirken, weil nichts ablenkt.
Mit „Fuel To The Fire“ wird es politischer: Konformismus, Intoleranz, hohle Rituale – der Song klingt wie eine Abrissbirne gegen Bequemlichkeit und die Mechanik sozialer Unterwerfung. Kein moralischer Zeigefinger, eher ein Stoß in die Rippen: Denk nach, bevor du dich einordnest. „The Vance Kid“ beweist, dass Wanted Inc. auch im kontrollierten Midtempo brandgefährlich sind: strukturiert, druckvoll, ohne auf stumpfes Geballer zu setzen. Inhaltlich greift der Track den Fall um James Vance und Raymond Belknap auf – inklusive jener absurden Schuldzuweisungen, bei denen Judas Priest als Sündenbock für angebliche Subliminalbotschaften herhalten mussten. Das ist Systemkritik in Reinform: wie schnell Öffentlichkeit sich einen Täter baut, wenn die Realität zu unbequem ist.
„Hydra’s Head“ packt den Skalpell-Satz noch größer an: Profitgier, Lobbyismus, verantwortungslose Forschung – eine Anklage gegen das Zusammenspiel aus Konzernen und Politik, bei dem Menschen zu Kollateralschäden werden. Und „My Red“ zieht das Panorama aus Angst, sozialer Kälte und moralischer Verrohung zu einer nahezu apokalyptischen Bestandsaufnahme zusammen. Besonders stark: der dramaturgische Wechsel, wenn der Song im Refrain bewusst Tempo rausnimmt und schwerer tritt – nicht als „Break fürs Publikum“, sondern als dramaturgischer Hebel, damit die Aussage nachsetzt.
Zusammengefasst ist „Resurgence“ Thrash Metal mit Haltung, sauberem Songwriting und einem spürbaren Willen, mehr zu sein als nur Tempo plus Aggression. Wanted Inc. zeigen Arrangement- und Kompositionssicherheit, dazu Musiker, die ihr Handwerk im Genre kennen – und genau deshalb zündet die EP nicht nur im Nacken, sondern bleibt auch im Kopf hängen.
Und dann trifft der Schluss härter als jedes Riff: Der frühere Bassist Roland Zehrer ist verstorben – „Resurgence“ ist ihm gewidmet.